Voller Hoffnung

- Aufstrebend. Aus dem Dunkel emporglühend. Farbe bahnt sich den Weg durch die brüchige Finsternis. Durch transparent milchige Weißschichten schwingt Licht. Ist das da unten Wurzelwerk, sind das da oben schwebende Blätter, sind das blaue Bergzacken oder sind es einfach sich wunderbar ergänzende, bekämpfende und doch sich immer wieder beflügelnde Strukturen?

Im Fronturlaub

Fritz Winters "Triebkräfte der Erde" sind alles zusammen - vor allem aber sind sie der Ausdruck von Hoffnung, von Weiterentwicklung. Diese Serie aus rund 55 Arbeiten ist in einer wahrlich explosiven Phase auf Fronturlaub 1944 entstanden. Sie ist nicht nur gebündelte Energie, sondern sie ist vor allem das Bindeglied zwischen den Anfängen der Moderne und den Stilrichtungen der Nachkriegszeit. Genau das macht jetzt eine kleine, aber umso wertvollere Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne klar.

Die Gegenüberstellung der Arbeiten Fritz Winters (1905-1976) mit denen seiner Lehrer am Bauhaus, Franz Marc und Paul Klee, mit ganz abgehobenen, späteren Ideen von Per Kirkeby und Joseph Beuys ist mit einem einleuchtenden Konzept sowohl in der Auswahl als auch in der Präsentation gelungen. Zuerst fasziniert die enorme Kraft Winters, während des Krieges, während einer kurzen Atempause daheim sein Aufbegehren in purer Farbe zu gestalten. Diverse Techniken, ein einheitliches Format und die atemlose Variation des Themas Wachstum, Naturkreislauf, Neuwerdung machen die Blätter weniger zum viel gerühmten Beispiel der inneren Emigration, als zum Zeichen, nicht gebrochen worden zu sein.

Vergleicht man sie mit den pantheistischen Tier- und Naturschöpfungen Franz Marcs, mit Symbolen einer besseren Welt und vor allem mit seinem "Skizzenbuch aus dem Felde" von 1915, dann weiß man um Winters Seelen- und Ideenverwandtschaft. In Sachen Form, insbesondere in Sachen Abstraktion zeichnet Paul Klee verantwortlich. Sei es das "Wachstum der Nachtpflanzen" (1922), das sich aufhellend in Blättern, Romben und Ovalen ins Dunkel schiebt, seien es feinste Strukturzeichnungen von Blumen, Früchten oder nicht endenden Konturen (1930) - der Organismus der Natur gibt dem des Bildes die Grundlage.

Ganz ähnlich studierte auch Joseph Beuys die Naturgesetze. Bei ihm werden daraus in den 40er-Jahren Fragmente gepresster Blumen oder aber fragilste Zeichnungen, die Keime, Blüten, Wolken als Basisform darstellen. Blattrippen-Gespinste oder Stempel mutieren zu allgemein gültigen Kompositionen: Metamorphose ist Beuys' zentrales Thema.

All diese Ansätze kulminieren in den Holzschnitten von Per Kirkeby (1991/2001). Maserung, Baum-Querschnitte, immer wieder nur Ausschnitte von Details werden bombastisch farblich hinterlegt. Aus Ansichten werden Einsichten, werden vielschichtige Inspirationen zum abstrakten Wesen der Natur.

Zusammen genommen ergibt diese Schau nicht nur eine attraktive Lehrstunde über die Prozesse in der Natur, sondern auch über die Prozesse in der Malerei.

Bis 15. Januar, Katalog: 23 Euro, Tel. 089/ 23 80 53 60.

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