Voller Wehmut

- Voller Entzücken durchstreifen die Besucher die drei Geschosse des von der Reuschel-Bank genutzten, um 1904 von Max Langheinrich erbauten und aufwändig ausgestatteten Jugendstil-Palais Friedrichstraße 18 in München-Schwabing. Aber auch voller Wehmut. Die dort zum 80. Geburtstag Ernst Kößlingers gezeigten Aquarelle, originalgrafischen Drucke und Zeichnungen, seine Plakate für Oktoberfest, Auer Dult und Fasching, für Ausstellungen und Konzerte gehören einer Zeit an, in der freie und angewandte Kunst hierzulande noch keine streng voneinander getrennten Bereiche waren - im Sinne einer Moderne, die der visuellen Kommunikation noch durchgängig den Charakter der permanent trainierten Handwerklichkeit verlieh.

Bildwitz und Schriftform entsprechen einander in Kößlingers Prospekten und Plakaten der Nachkriegsjahrzehnte (bis etwa 1975). Der Auftraggeber hat sich gewandelt (in den meisten Fällen die Stadt München), nicht aber der Künstler. Das demonstriert Kößlinger in seinen über 100 Briefmarkenentwürfen der vergangenen 30 Jahre. Im Kleinstformat lebt fort, nun feinstens ziseliert, was einst als Kunst für die Öffentlichkeit unsere Anschlagsflächen zierte - ob für Carl Orff oder zu Ehren der Postboten. Kößlingers Spezialität wurden die Städteansichten zu Jubiläumszwecken.

Als Gebrauchsgrafiker entstammt Kößlinger der guten Schule Eduard Eges und Georg Trumps an Münchens Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker. Er selber wurde 1958 zum Lehrer an der städtischen Akademie für das Grafische Gewerbe berufen. 1971 ließ er sich fürs Grafik-Design und freie grafische Verfahren an die staatliche Fachhochschule übernehmen.

Es blieben Zeit und Kraft für die vielen, in langwierigen und mühseligen Arbeitsgängen entstandenen, meist farbigen Radierungen, Lithos sowie Linol- und Holzschnitte. Auf kundige Weise überträgt er die in Aquarellen erprobten Farbnuancen in seine mehrschichtig differenzierten Auflagendrucke. Alle Elemente schließen sich zum strukturierten Bild einer Landschaft, einer Architektur oder figürlichen Komposition. Über viele Jahre hinweg nutzte Kößlinger auf diese Weise seine Reiseskizzen. Das Urstromland der Altmühl erstreckt sich in die Weite; hohe Felsen beengen die Donau bei Weltenburg.

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