Vollgötter in Weiß

- Prinzipiell hat das Regie-Team ja Recht. Wotan als Mr. President oder Mr. Ackermann, als Zentrum einer geldhungrigen Gesellschaft, dieses Konzept hat Richard Wagner fast souffliert, ist jedoch seit Patrice Chéreaus Regie-Großtat von 1976 bis zur Sinnentleerung ausgezuzelt worden. Und wo liegt dann der dritte Weg zwischen Sage und Sozialdrama?

Peter Hall scheiterte in Bayreuth mit einem Märchen, Alfred Kirchner und Ausstatterin Rosalie boten dort kreative Überrumpelung, Tankred Dorst, Regisseur des neuen "Ring des Nibelungen" am Grünen Hügel, zielt auf anderes: auf den Zusammenprall der Götter mit unserer Mythen-entleerten Welt.

Frigide Wächterinnen

Der Graffiti-Fotograf, der also im "Rheingold" an den Vollgöttern in Weiß vorbeischlendert, auch der Heizungsableser in Alberichs Goldkeller, sie können die hohen Herrschaften weder sehen noch fühlen. Einzig die Buben, die am Ende Fasolts Ermordung nachspielen: Nur sie besitzen noch Antennen fürs Überwirkliche - Antennen, die vermutlich bald den Empfang einstellen werden. Das Problem, das sich nach der "Rheingold"-Premiere zeigt, ist freilich ein viel Grundsätzlicheres.

Tankred Dorst und seine Mitarbeiterin Ursula Ehler besitzen keine Mittel, ihr Konzept auf die Bühne zu bringen. Regie findet nicht statt oder wird an die Ausstattung delegiert. An Frank Philipp Schlößmanns starke Bühnenbilder, an die Kostüme von Bernd Skodzig (die sehr an Rosalies Fantasiestreiche erinnern) und an gelegentliche Projektionen von - wie erotisch - nackt badenden Damen.

Am stärksten: Schlößmanns Rhein, eine kühn geschwungene Kieselbahn, auf der die frigiden Wächterinnen des Goldes wie angewurzelt thronen. Die "freie Gegend auf den Bergeshöhen" ist eine Art Hochhausdach, in Alberichs Heizungssouterrain öffnet sich ein riesiges Wandloch und gibt den Blick auf den Schatz frei.

Dass "Rheingold", dieses so munter zwischen Pathos und Boulevard plappernde Stück, fast immer funktioniert, galt ja als Gesetz. Bislang. Denn nicht mal ein Mindestmaß an Charakterschärfung geben Dorst/Ehler ihren Figuren in dieser unschlüssigen bis hilflosen Arbeit mit. Durch solches Dilettieren auf sich selbst zurückgeworfen, tun die Sänger das, was sie kennen und können. Arnold Bezuyen liefert die gewohnte Nummer als Loge-Entertainer ab, Falk Struckmann (Wotan) ist mit dem Ausstellen seiner Person und seiner Stimme beschäftigt, manch anderer mit gar nichts.

Und dabei bahnt sich musikalisch Denkwürdiges an. Gerade Struckmann hat mit machtvollem, substanzreichem Heldenerz die Rolle seines Lebens gefunden. Dass ihm mit Ralf Lukas als Donner ein Gegen-Wotan erwächst, ist eine Besetzungspointe. Clemens Bieber (Froh), Michelle Breedt (Fricka), Mihoko Fujimura (Erda), die Rheintöchter Fionnuala McCarthy, Ulrike Helzel und Marina Prudenskaja, sogar Andrew Shore als Alberich demonstrieren, wie ausgeglichen Wagner gesungen werden kann, wie schön, auf Linie bedacht, ohne grobe Expression, vor allem: wie genau am Text orientiert. Kwangchul Youn (Fasolt) und Gerhard Siegel (Mime) gaben eher die stimmstarken Ausdruckstechniker, Jyrki Korhonen (Fafner), ein Wiedergänger Matti Salminens, war wohl indisponiert.

Ungeahnte Details

Zu verdanken ist diese Vokalarbeit sicher auch Christian Thielemann, vor dem sich das Publikum schier in den Staub warf. Es war wohl das kundigste, analytischste "Rheingold", das derzeit zu haben ist. Thielemann förderte mit dem Festspielorchester ungeahnte Details und Binnen-Steigerungen zutage. Die Instrumentalebenen wirkten nicht nur ausbalanciert, sondern schienen fast symbiotisch ineinander zu greifen. Und doch wirkte diese Interpretation auch übermotiviert. Fest entschlossen zum Muster-Wagner, drohte sich Thielemann zu verzetteln, vergaß manchmal, dass "Rheingold" eben nicht nur Klangereignis, sondern auch Konversation ist. Dass dort, wo Wagner am Sprechfluss orientierte Tempi fordert, Puzzelei eher behindert.

All das mag sich an den Folgetagen geben - regietechnisch zeichnet sich indes der Reinfall ab. Dorst und Ehler kamen nicht vor den Vorhang: Bescheidenheit oder Selbstkritik?

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