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Vom Blatt gespielt: Bregenzer Festspiele rüsten sich für „Madame Butterfly“

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Von: Markus Thiel

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Bregenzer Seebühne
Aus einem 300 Tonnen schweren „Papier“ besteht heuer die Seebühne. Premiere von „Madame Butterfly“ ist am 20. Juli, gespielt wird bis 21. August. © Matthias Grabher

Als ob irgendein Goliath ein Blatt Papier in der Bregenzer Bucht verloren hat, so sieht die Bühne für „Madame Butterfly“ aus. Puccinis Oper wird dort am 20. Juli erstmals gezeigt. Ein Besuch am Bodensee.

Rot-Weiß, mit Wappen, das wäre die Flagge Vorarlbergs. Doch heute gibt’s Rot-Weiß mit Blau und Sternchen. Majestätisch wehen die Stars and Stripes an diesem Nachmittag über den See. Nicht nur im Rund der Freiluftbühne ist die US-Fahne zu sehen, auch noch von Weitem auf der Bregenzer Promenade, wo an diesem heißen Nachmittag die Eisschlecker in der Überzahl sind. Doch nach kurzer Zeit, bevor man Lust hätte zu salutieren, ist der Mast wieder weg. Es wird ja auch noch geprobt für „Madame Butterfly“. Und naturgemäß verschlingt die Ausstattung bei den Festspielen nicht nur das meiste Geld, sondern auch den größten Arbeitsaufwand.

Einer, der das zum ersten Mal mitmacht, ist Andreas Homoki. Vom gut gekühlten Konferenzraum hoch über der Seebühne blickt er fast versonnen auf die Bühne, die ihm Michael Levine entworfen hat. So forsch und geradeheraus, wie der Regisseur Homoki gern auftritt, so fasziniert ist er nun von der gewaltigen Szenerie. Bregenz, das war ein Traum des Intendanten der Zürcher Oper, auch wenn ihm das nicht alle abgenommen haben. „Ich bin jemand, der es gern groß hat“, sagt der 62-Jährige. „Auch auf einer normalen Opernbühne mit einer Portalbreite von zwölf Metern muss ich ja vergrößern und die Intentionen der Figuren und die Wege im Raum fast choreografisch denken. Bregenz ist eben eine Stufe mehr. Man muss hier den Nachweis erbringen, dass Personenbeziehungen über 20 Meter Entfernung herstellbar sind – das reizt mich.“

Das, was Homoki draußen von Sängerinnen, Sängern, Tänzerinnen, Tänzern und Statisten verlangt, hat er akribisch vorbereitet. Im normalen Opernbetrieb kann schon mal eine Befindlichkeit, ein spontaner Einfall eines Beteiligten ins Szenische umgesetzt werden. In Bregenz funktioniert das nicht. Also hat sich Homoki, Monate ist das her, vor ein Bühnenbildmodell im Maßstab 1:50 gesetzt und Figuren hin und her geschoben. Für daheim hat er sich sogar noch ein 1:100-Modell aus dem 3D-Drucker fertigen lassen. Jeder Gang, jeder Abstand sollte auf seine Wirkung überprüft werden. „Man ist gezwungen, vorab alles festzulegen. Dafür braucht es eine große Erfahrung. Man muss beurteilen, was eine starke Situation ist und was nicht“, berichtet Homoki. „Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich hab’ großen Spaß daran.“ Im Grunde, so schiebt er verschmitzt hinterher, könne jetzt jeder mit seinem Regiebuch „Madame Butterfly“ inszenieren.

Andreas Homoki
Regisseur Andreas Homoki ist erstmals am Bodensee aktiv. Einmal in Bregenz zu arbeiten, das sei für ihn immer ein Traum gewesen.  © Felix Kästle

Für Bregenzer Stammgäste mag die Bühne von Homoki und Levine eine sachte Enttäuschung sein. Ein riesiges Skelett gab’s schließlich schon am Bodensee („Maskenball“), ein Giga-Auge („Tosca“) oder zuletzt einen Kopf mit beweglichem Mund und rollenden Augen („Rigoletto“). Und jetzt? Ein Blatt Papier, das sich über dem Wasser wellt und biegt, als habe es irgendein Goliath in der Bucht verloren. 300 Tonnen schwer, 23 Meter hoch und 33 breit, zusammengefügt aus 117 Teilen. Doch wer sich dem Blatt nähert, erkennt pastellige Berg- und Baum-Silhouetten, die sich aus dem Weiß schälen. Eine kalligrafische Landschaft, auf die nach Einbruch der Dunkelheit noch Videos projiziert werden. Bregenz also auf dem Weg zur neuen Einfachheit? „Ich möchte vor allem die Personen sehen können“, sagt Homoki, der in den Opernhäusern für seine feinmechanischen Arbeiten bekannt ist. „Unser Anspruch ist es, das Stück ganz stark über die Figuren zu erzählen.“

Erstmals ist „Madame Butterfly“ am See zu erleben, diese tränentreibende Geschichte über eine japanische Geisha, die sich in einen US-Offizier verliebt. Doch der sieht – trotz gemeinsamem Kind – alles nur als spaßige Liaison. Am Ende ersticht sich Cio-Cio San. Karg wird der Abend nicht, verspricht Intendantin Elisabeth Sobotka. „Aber elegisch und emotional!“ Auch sie kann von ihrem Büro auf die Bühne schauen. Ein Blick, den sie nur noch zwei Jahre genießen darf, dann wechselt die 56-Jährige in gleicher Position an die Berliner Staatsoper.

Der Vorverkauf für die 26 Aufführungen von „Madame Butterfly“ läuft bestens

„Madame Butterfly“ war ihre Idee. „Das ist eine Musik, die in den Raum, in die Ferne drängt“, schwärmt Sobotka. „Insofern habe ich keine Sorge, dass dieses Kammerstück nicht auf die Seebühne passt.“ Überhaupt wundere sie sich. Früher, etwa in den Kreisen um Intendanten-Legende Gerard Mortier, sei über den vermeintlichen Kitsch-Bruder Puccini gelästert worden. Und jetzt bei „Madame Butterfly“ höre sie von allen: „Was für ein großartiges Stück, was für eine einmalige, raffinierte Partitur!“

Der Vorverkauf für die 26 Aufführungen mit ihren allabendlich 6980 Karten gibt Sobotka schon mal Recht. Und das in Zeiten von Corona und anderen Krisen, die vielen Häusern leere Reihen bescheren. „Die Festspiele und die Stadt Bregenz bieten eine Mischung aus großem Kultur-Event und Ferien.“ Wieder ein verträumter Blick zum See: „Bregenz ist für viele konnotiert mit spannender Oper und erster Urlaubsdestination des Jahres. Das kommt uns gerade jetzt wahnsinnig zugute.“ Noch läuft es finanziell gut für Bregenz. In den vergangenen acht Jahren habe man dank der populären Freiluft-Shows ein gewisses finanzielles Polster angespart, sagt Sobotka. Aber: „Uns kann eine schwierige Zeit bevorstehen. Der Markt ist unberechenbar geworden. Auf dem Bausektor kommt es mittlerweile zu absurden Preisen.“

Andreas Homoki: „Ich erzähle möglichst plastisch, groß und klar.“

Unbelastet von diesen Problemen laufen die Proben für „Butterfly“. Homoki scheint alles, trotz des logistischen Aufwands, als eine Art Regie-Ferien zu sehen, unangekränkelt von Konzeptkrämpfen. „Man leistet sich in Bregenz eine größere Naivität“, formuliert er es. „Und das ist ja was Schönes. Ich weiß, ich muss hier nicht eine dreifache Spiegelung und Brechung bringen. Ich erzähle möglichst plastisch, groß, klar, emotional und theatralisch eine Geschichte.“

Und dabei fällt es auch nicht ins Gewicht, dass jede der drei nicht-asiatischen Butterfly-Sängerinnen, die sich während der Festspiele abwechseln, auf asiatisch geschminkt werden. Politisch inkorrekt sei dies, kritisiert mancher, und dem Blackfacing verwandt. Homoki, der einst eine von einem Kollegen inszenierte Zürcher „Butterfly“ nach Los Angeles weiterreichen wollte, ist dies schon mal passiert: Das US-Haus lehnte ab. „Darf Rigoletto also nur von einem Behinderten gespielt werden? Leute, die so etwas fordern, haben vom Theater nichts verstanden“, empört er sich. Wesen und Magie des Theaters sei doch die Verwandlung. Eine solche Debatte hält er für kunstfeindlich und gefährlich. „Wo ist da die demokratische Legitimierung von falsch verstandener politischer Korrektheit? Durch Shitstorms?“

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