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Architektur-Legende: Das Gebäude der Bauhaus-Schule, entworfen von ihrem Direktor Walter Gropius.

Jubiläum

Sehnsucht der Jugend nach Freiheit

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Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus in Weimar  gegründet – Es existierte  nur 14 Jahre  und wurde doch zum internationalen Mythos

Das klassisch-biedere Weimar wurde im Frühling vor 100 Jahren wirklich arg gebeutelt. Nicht nur, dass ein furchtbarer Krieg verloren war, es gab auch noch eine Revolution, und im großherzoglichen Städtchen wurde doch glatt dieser demokratische Staat installiert, Weimarer Republik genannt. Nicht genug damit! Es kam obendrein ein 36-jähriger Architekt an, der eine komplett andere Kunstausbildung wollte. Walter Gropius (1883-1969) boxte Ende März beim Arbeiter-Rat durch, dass die ehemals Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule und die Hochschule für bildende Kunst zusammengelegt wurden. Am 1. April wurde er Direktor, die Regierung segnete den Plan ab, und am 12. April kam der entsprechende Erlass heraus. Es gab nun einzig das Staatliche Bauhaus Weimar.

Von Anfang an waren da viele wütend -- nicht nur die Professoren der alten Akademie und die Handwerkerverbände. Die sogenannten braven Bürger erlebten diesen Gropius als Mann, der mit einer Frau Mahler verbandelt war. Und Alma, die talentierte Männer sammelte wie andere Frauen edle Kunstwerke, war es darüber hinaus mit Walter allein bereits fad. Sie pendelte zwischen ihm und Franz Werfel. Kein Wunder, dass ein Direktor mit solch losen Sitten fast genauso viele Frauen wie Männer als Schüler aufnahm. Natürlich war das Bauhaus ein erfolgreiches Anbandl- und Heiratsinstitut. Das war das erotische Symbol der Sehnsucht nach Freiheit, gerade nach der durchlittenen Unterdrückung und Katastrophe, und der Hoffnung, die Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Kein Wunder, dass das Bauhaus aneckte.

Das Bauhaus war ein
sehr gutes Anbandl-Institut

Deswegen ist es das frappierend passende Sinnbild der Weimarer Republik -- und existierte nur so lange wie diese. Die Nationalisten vertrieben die Reformschule 1925 aus Weimar, 1932 wurde sie im Zufluchtsort Dessau von den Nazis abgewürgt, um in Berlin dann 1933 endgültig zu sterben. Danach stieg als Phönix aus der Asche der Mythos Bauhaus auf, um in der ganzen Welt zu leuchten. Das war den vielen ausländischen Schülern zu verdanken sowie den Bauhäuslern, die zwischen Tel Aviv, Zürich und North Carolina ins Exil gehen mussten -- und einer perfekten Markenstrategie von „Mr. Bauhaus“ Gropius in den USA. Dass es von der Sowjetunion über Frankreich bis zu den USA ebenfalls modernes Bauen gegeben hatte, zauberte der Deutsche weg aus der globalen Wahrnehmung. Geflissentlich ließ er dabei auch unter den Tisch fallen, dass es da noch eindrucksvolle Direktoren und Baumeister, Hannes Meyer (1889-1954) und Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969), gegeben hat.

1919 stürzte sich Gropius mit Verve und einem Manifest -- „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“ – in die neue Aufgabe. Damals knüpfte er an die Vorstellung der Romantiker von mittelalterlichen Dombauhütten an: Architektur, Handwerk, Bildhauerei und Malerei vereint. Am Bauhaus gab es keine Professoren, sondern Meister, die Lehrlinge in Werkstätten betreuten. Die romantische Harmonie war schnell passé. Die Anpassung an Technik, Industrie und Vermarktung trat ab 1923 in den Vordergrund. Gropius und sein wechselndes Team tasteten sich an Ziele heran und schlugen schon mal Haken. Etwa war es ganz schnell aus mit der Geschlechtergleichheit. Der alte Macho, den  auch die Bauhäusler nicht in sich abtöteten, drängte  die  Mädchen  fast komplett in die Weberei ab. Nur Marianne   Brandt  kämpfte  sich in die  Metallwerkstatt.  Sie schuf dort einige Ikonen des Designs.

Viele Bauhäuser waren so arm,
 dass Hunger herrschte

Die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer sind heute noch Design-Renner.

Zum Glück bekamen die jungen Menschen trotzdem viele ersehnte Freiheiten. Der Aufbau in Vorlehre mit Materialexperimenten und danach die diversen Lehren, von Farben über Werkzeuge bis Naturstudium, boten eine breite Grundlage. Dazu kamen berühmte Meisterpersönlichkeiten wie die Maler Paul Klee (1879-1940), Wassily Kandinsky (1866-1944), Lyonel Feininger (1871-1956) und Oskar Schlemmer (1888-1943). Alle hatten ihren eigenen Kopf, oft auch Spleens, aber eben eine einzigartige künstlerische Kraft. Klee konnte sie besonders gut weitergeben, und Schlemmer sorgte sogar für die Bühne und bot außergewöhnliche Tänze, in denen er Menschen als Skulpturen in Bewegung setzte. Johannes Itten (1888-1967), der mit seinem auch rassistischen Mazdaznan-Kult zwar esoterisch nervte, schenkte bei der Vorlehre viele Rumprobier-Freiheiten. Solch knorrige  Typen mit Charisma faszinierten die jungen Leute, die meist mit nichts ihr Studium bestritten. Gropius bettelte schon mal um Naturalien oder ausgemusterte Armeebestände, damit die Burschen etwas zum Anziehen hatten.

Das Bauhaus selbst balancierte ständig am finanziellen Abgrund -- an dem man durchaus gern und wunderbar fantasievoll feierte. Da gab es nicht bloß das Weihnachtsfest, sondern auch das Laternen-, Sonnwend- und Drachenfest. Klar, Gropius’ Geburtstag wurde begangen; übrigens war Alma Mahler bald weg, und er fand seine Ise Frank, als Organisationstalent „Frau Bauhaus“ genannt. Bei den Kostümfesten ging es voll ab. Kandinsky zog seine alte Lederhose aus Murnauer Tagen an oder erschien beim Metallfest als Antenne. Als man von den Nationalisten aus Weimar gedrängt wurde, feierte die Truppe ein Kehraus-Fest.

Das Bauhaus pries den Bau, baute indes fast nichts. In der Industriestadt Dessau (Junkerswerke) – man war dort ab 1925 eine städtische Institution mit Hochschulstatus -- durfte Gropius endlich den großen Wurf wagen. Das Bauhaus-Gebäude wurde mit seinen unterschiedlichen, unregelmäßig angeordneten Trakten nach der NS-Zeit zum architektonischen Super-Denkmal verklärt, insbesondere die vorgehängte Glasfassade des Werkstattflügels. Schon damals besichtigten Tausende diese  Rarität und natürlich die Meisterhäuser. Die klare Kühle des russischen Konstruktivismus  und des niederländischen  De Stijl inklusive Industriebauelementen hatte  sich  durchgesetzt. Ähnlich wie in der Ausbildung. László Moholy-Nagy (1895-1946) und Josef Albers (1888-1976) -- später extrem einflussreich in den USA – hatten die Ausbildung gestrafft und auf Rationalität gesetzt. Noch wichtiger: Fotografie, Film, Maschinen, Lichtphänomene kamen ins Spiel. Die Fotokunst ist davon bis heute geprägt.

Geld verdient wurde mit Stoffen,
Lampen und Tapeten

Da das Bauhaus Geld verdienen musste, wurde der Bereich Gestaltung immer bedeutsamer. Wirtschaftlich am erfolgreichsten waren die Tapetenentwürfe für die Firma Rasch. Das war bereits in der Zeit von Hannes Meyer als Bauhaus-Direktor (Gropius wollte 1928 aufhören). Die Bauhäuslerin Maria Rasch hatte die Verbindung zur Firma ihres Bruders hergestellt. Daneben punkteten etwa die schlichte Schreibtischlampe von Marianne Brandt für die Firma Kandem sowie die Weberei mit gut verwertbaren Entwürfen und mit raffinierten Stoff-Erfindungen für extreme Anforderungen. Meyer, der genossenschaftlich und kollektivistisch dachte („Volksbedarf statt Luxusbe-darf“), entwickelte preisgünstige Baukastenmöbel zum Selber-Zusammenstecken. Seine Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau nahe Berlin ist im Grunde dasBauhaus-Gebäude: Die lernenden Baumaterialisten -- der individualistische „Architekt“ war verpönt – arbeiteten alle mit an diesem Werk.

Das Leben der Menschen
sollte verbessert werden

Auch der ach so vernünftige Hannes Meyer -- ein echter Schürzenjäger übrigens -- hatte eine Sehnsucht: das Leben für die Menschen zu verbessern. Deswegen ist es eine bittere Tücke der Geschichte, dass seine Billigmöbel-Ideen und rationellen Herstellungsstrategien kapitalistisch perfekt ausbeutbar sind. Und das rationale, serielle Bauen passte sogar in Tötungsmaschinerien.  Der Bauhäusler Hans Ertl wurde stellvertretender Chef des Auschwitz-Planungsstabs, der die Baracken für die KZ-Opfer entwickelte. Derartiges ging nicht in den Bauhaus-Mythos ein. Legendär wurden  vielmehr Objekte wie die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer (1902-1981), die Design-Fans auf der ganzen Welt verehren.

Der Schweizer Meyer wurde 1930 entlassen, weil die Dessauer Politiker Angst vor den Rechtsextremen hatten. Mies van der Rohe übernahm und riss das Ruder herum. Bauen  für jedermann interessierte ihn nicht, er wollte „Baukunst“. Und da war das Einfamilienhaus à la Mies das A und O. Alles andere war ihm egal; das Management übernahm sein Gspusi Lilly Reich (1885-1947), Leiterin der Ausbauabteilung. Die Nazis gewannen 1931 die Gemeinderatswahlen in Dessau, das Bauhaus musste am 1. Oktober 1932 schließen. Mies führte die Schule in Berlin privat weiter. Im April 1933 drang die Gestapo dort ein, nahm Verhaftungen vor. Das Lehrerkollegium gab endgültig auf.

Die Sehnsucht nach Freiheit  und die Hoffnung auf die Zukunft sind lebendig geblieben. Wahrscheinlich ist das der eigentliche Mythos Bauhaus, nicht die Äußerlichkeiten.

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