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Jimi Hendrix bei seinem letzten Auftritt auf der Insel Fehmarn. 

Neues Buch

Gitarrengott mit Afro-Frisur

  • Johannes Löhr
    vonJohannes Löhr
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Vor 50 Jahren starb Jimi Hendrix unter ungeklärten Umständen; der Ausnahmemusiker ist zu einer Ikone der Rockmusik geworden

Es ist die sprichwörtliche Ironie der Geschichte: Heute gehört das Konterfei von Jimi Hendrix zu den bekanntesten Gesichtern der Welt. Man sieht es auf Postern, T-Shirts, sogar in die Haut von Rockfans tätowiert. Ein Gitarrengott mit Afro-Fisur als Heiligenschein. Doch als man Hendrix am späten Vormittag des 18. September 1970 in einem schäbigen Londoner Hotelzimmer findet, erkennt ihn keiner. Nicht die Ärzte, nicht die Polizei, die sich keine Mühe macht, den Fundort der Leiche zu sichern. Man glaubt, hier habe sich einfach ein weiterer schwarzer Junkie das Licht ausgepustet. Die Umstände, unter denen der großartigste Gitarrist auf Gottes Erde starb, bleiben ungeklärt.

Jimi Hendrix schert sich zeitlebens nicht um rassistische Ressentiments – sein explosives Spiel lässt sich auch nicht auf „schwarze Musik“ reduzieren. Zwar wurzelt es im Blues und Soul, doch Hendrix spielt harten Rock, baut Störgeräusche wie das Pfeifen von Rückkopplungen in seine Performance ein. Dazu kommt, dass er spektakuläre Mätzchen draufhat – er bedient seine Gitarre hinter dem Rücken, spielt sie mit den Zähnen, sogar der Zunge.

Und er hat Glück, dass er 1966 genau zur richtigen Zeit ins „swinging London“ kommt. Bands wie die Rolling Stones und die Animals haben den Blues bei den Briten populär gemacht – jetzt revanchiert sich der Afroamerikaner, der sein Instrument jaulen und singen lässt, wie sie es noch nie gehört haben. Bei seinem ersten Gastauftritt mit der Band Cream lässt deren erfolgsverwöhnter Gitarrist Eric Clapton mitten im Song die Arme sinken und trottet beschämt von der Bühne. Das schlägt Wellen – Londons Pop-Prominenz will Zeuge des Phänomens werden. In Philip Normans neuer Hendrix-Biografie „Jimi“ erinnert sich Sänger Terry Reid an den zweiten Auftritt: „Da ist Mick Jagger... Keith Richards... Paul McCartney kommt rein. Danach Jeff Beck. Ich dachte: Was ist denn hier los? Trifft sich da die ganze Innung?“ Am Ende des Konzerts: Schockstarre. „Überall Gitarristen, die in Tränen ausbrechen. In dem Laden mussten sie mit dem Wischmopp durchgehen.“

Der Derwisch startet durch: Die erste Single der Jimi Hendrix Experience, „Hey Joe“, schafft es auf Platz sechs der britischen Charts. Die Band veröffentlicht drei Alben mit Klassikern wie „Purple Haze“, „Crosstown Traffic“ oder „Voodoo Chile“. Die LP „Electric Ladyland“ führt 1968 die US-Billboard-Charts an. 1967 zündet Hendrix beim Monterey Pop Festival seine Gitarre an, 1969 zerfetzt er in Woodstock die US-Hymne – sein Instrument simuliert Bombeneinschläge und Schmerzensschreie und wird so zum Fanal gegen den Krieg in Vietnam.

Politisch aktiv ist allerdings Hendrix nie. Seine tranceartigen Soli, die rituelle Zerstörung seines Instruments – genau wie sein Drogenkonsum – lassen sich schon eher als Traumabewältigung deuten. Der 1942 in Seattle geborene Hendrix hat wenig von seiner Mutter. Sie flieht vor den alltäglichen Pflichten und der bitteren Armut in den Alkohol und stirbt früh. Jimi ist dem gewalttätigen Vater ausgeliefert, der von seiner künstlerischen Begabung nichts hält. Seine erste Gitarre bekommt er von seiner Tante.

Jimi Hendrix liebt die Frauen – und die Frauen lieben den schüchternen Schlaks: „Er war so sanft, hat eher geflüstert als gesprochen und sich katzengleich bewegt. Außerirdisch!“, schwärmt die hübsche Münchner Kommunardin Uschi Obermaier rückblickend. Auch als er noch unbekannt ist, päppeln ihn immer wieder Damen hoch. Die Aristokratentochter Linda Keith entdeckt den abgebrannten Gitarristen im Sommer 1966 in New York und macht ihn mit seinem Manager bekannt.

Anfangs vermarktet man den stillen Musiker als „wilden Mann“ – was noch harmlos ist gegenüber den rassistischen Anfeindungen, die ihm in den USA entgegenschlugen. Zwar hat der Virtuose Anfang der Sechziger mit unfassbar vielen Stars gespielt – Ray Charles, Ike und Tina Turner, Little Richard, Sam Cooke, Otis Redding. Doch all die Legenden waren selbst schwarz – ihnen blieben also auch die großen Konzerthallen verwehrt.

Selbst als Hendrix berühmt ist, nimmt ihn sein Manager, ein Ex-Spion mit Schrotflinte unterm Sofa, aus wie eine Weihnachtsgans. So ist es kein Wunder, dass prompt die Gerüchte entstehen, Hendrix, der nach offiziellen Erkenntnissen nach einer Überdosis Schlafmitteln und Alkohol an seinem Erbrochenen erstickt ist, sei von seinem Manager, der Mafia oder gar der US-Regierung ermordet worden. Jedenfalls ist er nun Teil des „Clubs der 27“. Im Alter von 27 Jahren sterben kurz darauf auch Janis Joplin und Jim Morrison, später dann Kurt Cobain und Amy Winehouse.

„Die Leute mögen dich erst, wenn du gestorben bist“, sagte Hendrix einmal in einem Interview. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, hat er in einem Recht behalten: Er trat auf dem Zenit seiner Kunst ab, wir kennen nur inspirierende, aufregende Musik von ihm. Deshalb bleibt er heute, was er vor 50 Jahren war: der ewige Gitarrengott, mit der Afro-Frisur als Heiligenschein.

Philip Norman:

„Jimi“. Aus dem Englischen von Stefan Rohmig.
Piper Verlag, München,
432 Seiten; 24 Euro.

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