+
Sammler und Verleger: Lothar Schirmer liebt Kunst und dokumentiert sie in Büchern. Hier steht er in einem Verlagsraum mit einem Teil seiner Beuys-Bücher.

Interview mit Lothar Schirmer

"Vor meinen staunenden Augen"

München - Eröffnung des Neuen Lenbachhauses: Lothar Schirmer erzählt im Interview mit dem Münchner Merkur von seiner Jugend-Entdeckung Joseph Beuys und dem Geschenk an München.

Lothar Schirmer, 1945 in Schmalkalden geboren, ist als Verleger und Sammler eine prägende Figur – insbesondere für München. Schirmer/Mosel mit seinen erlesenen Kunstbänden – Schwerpunkt Fotografie – und der Ausstellungsraum Schirmer/Mosel Showroom in den Hofgartenarkaden sind nicht wegzudenken. Die Verbindung verstärkt sich nun noch. Schirmer wird mit seinen frühen Werken von Joseph Beuys (1921-1986) das neue erweiterte und sanierte Lenbachhaus (geöffnet ab 8. Mai; unsere Zeitung ist der Medienpartner) aufwerten. Es wird dort, wo auch die berühmte Installation „Zeige deine Wunde“ beheimatet ist, eine eigene Beuys-Abteilung mit Zukauf, 15 Schenkungen und Dauerleihgaben von Schirmer geben. Dass das Gespräch mit unserer Zeitung gerade an Ostern erscheint, gefällt Lothar Schirmer. Schmunzelnd verweist er auf die innige Verbindung von Beuys zu der Figur des Hasen.

Wie sind Sie auf die Arbeiten von Joseph Beuys gestoßen?

Ich hatte in einer Art postpubertärer Marotte angefangen, mich für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Ich hatte mit 16 begonnen, hatte Ausstellungen besucht und hatte, wie ich dachte, einen ganz guten Überblick. Als Gymnasiast bin ich 1964 auf die documenta 3 nach Kassel gereist. Zehn Tage konnte ich in der Tankstelle eines Bekannten meines Vaters wohnen und ging jeden Tag auf die documenta. Ich bin dort umhergeschweift wie jemand, der durch die Wiese wandert und die Botanik bekuckt. Habe jedes Schild gelesen, mir die Namen gemerkt. Ich kannte schon ein ganze Menge.

Beuys war also nicht prominent platziert?

Ich kam zu einer Abteilung, die nannte sich „Aspekte“. Da war alles zusammengefegt, auf das sich der damals noch herrschende documenta-Rat – es gab keinen Kommissar wie heute, sondern einen Rat von 20 Leuten –, nicht hatte einigen können. In dieser Abteilung sah ich eine Vitrine mit drei „Bienenköniginnen“ – mit drei schmuddelig ausschauenden Skulpturen, äußerst unappetitlich, würde ich sagen. Ich habe meinen Blick sofort wieder davon abgewandt, aber das Etikett gelesen: „Joseph Beuys, Düsseldorf“. Dann gab es einen anderen Ausstellungsteil, der der Geschichte der Handzeichnung des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet war. Da hingen links neben Toulouse-Lautrec drei, vier wunderbare Zeichnungen, die mich sofort ansprangen, weil sie so romantisch und so sensibel waren. Ich las denselben Namen: „Joseph Beuys“. Und das hat mich wirklich verstört. Dass jemand so formvollendete, klassische Zeichnungen macht und auf der anderen Seite so eklige Plastiken. Diesen Widerspruch – der war ja in meiner Empfindung – konnte ich mir nicht erklären.

Wie kam der Umschwung?

Zwei Monate später habe ich mir den documenta-Katalog noch mal durchgeschaut unter der Fragestellung: Was hast du nicht verstanden, weil es so neu war? Bei Beuys bin ich hängen geblieben. Ich fragte herum, und Freunde, Bekannte erzählten mythische Dinge über ihn. Er stelle bei Bauern in der Scheune aus. Er würde Hirsche zeichnen: Das war neben dem trinkenden Mönch das versauteste Sujet in der deutschen Kunstgeschichte – der röhrende Hirsch. Das Wichtigste aber war, dass Beuys als Professor an der Düsseldorfer Akademie sehr beliebt war. Ich schrieb ihm also einen Brief, ich sei ein junger Sammler...

Da haben Sie schon gesammelt?

Na ja, hie und da hatte ich ein Bild erworben. Ich schrieb ihm, dass ich gern eine Zeichnung kaufen würde, könne aber vor dem Abitur nicht reisen, ob er etwas zur Auswahl schicken könne. Es war natürlich auch ein bisschen Hochstapelei dabei (lacht). In der damaligen Zeit hatten diese Künstler kaum eine Öffentlichkeit. Insofern war ich ein früher Bote einer noch kommenden Zeit. Drei Wochen später lag ein Brief da, Einschreiben, Absender: Joseph Beuys. Ein schöner Brief. Er hat sich bedankt für die Begeisterung, er könne nichts schicken, aber anbei eine Zeichnung für die Sammlung – als Geschenk...

Das ist wirklich rührend...

Ja. Wenn dann mal bei mir der Rubel rollen würde – wörtlich –, könne ich gern kommen, etwas aussuchen und kaufen. Das habe ich als Einladung aufgefasst. 1965, im März, bin ich nach Düsseldorf zu Beuys gefahren. Erst hat er mich ausgefragt: „Herr Schirmer, was haben Sie für eine Sammlung.“ Auf meine Peter-Brüning- und Winfred-Gaul-Bilder erklärte er: „Tachismus sei eine Form der Unmoral.“ So etwas hatte ich noch überhaupt nicht gehört (lacht). Paul Wunderlichs Lithos hat er ebenfalls abserviert. Aber dass ich zwei Cy-Twombly-Zeichnungen erworben hatte, das fand er ganz toll. Damit war ich legitimiert. Auf diese Weise bin ich der Mensch geworden, der Arbeiten von Cy Twombly im Herbst ’64 und von Joseph Beuys im März ’65 erworben hatte. Es gab kaum Besseres. Das war das eine Märchenhafte an der Geschichte; das andere ist, dass ich die Werke noch besitze. All das ist ja enorm teuer geworden.

Was hatte Ihre Sammelleidenschaft geweckt?

Sicher, man sucht auch andere Künstler, weil man zunächst nicht weiß, dass man da ganz Große entdeckt hat. Das hat sich ja vor meinen staunenden Augen wunderbar entwickelt. Der Welterfolg von Twombly und Beuys – das war ein Dominoeffekt: Leute, die sich noch kurz zuvor aufs Feindseligste geäußert hatten, wurden plötzlich glühende Anhänger. Das war die Erfahrung, dass, wenn etwas eine grundsätzliche Qualität hat, es sich durchsetzt.

Noch mal zu den Zeichnungen, die den meisten Menschen gefallen,...

eigentlich immer...

...und zu den schmuddeligen Objekten. Wann haben Sie sich damit angefreundet?

Die sperrigen Sachen! Im Jahr 1967 habe ich gesagt: „Jetzt habe ich eine schöne Zeichnungssammlung.“ Und war damit bereit, ein Objekt zu erwerben. Da gab es ein sehr ansprechendes, das stand auf seinem Schrank: eine Scheibe mit einem Schaf darauf. Alles war in weißen Mull gewickelt – ein Schaf im Schnee, aber der Schnee war wie ein Wundverband. Es war sehr subtil, psychisch tief. Beuys sagte, „nein, das kann ich Ihnen nicht geben, das brauch’ ich noch“, hat den Schrank aufgemacht – und deutete auf eine von drei „Bienenköniginnen“: „Das können Sie haben.“

Wie wenn er’s gewusst hätte.

Natürlich hat er es gewusst. Aber mir war dann klar, dass mir ein Schlüsselwerk des Beuys’schen Œuvres zuteilgeworden war. Die „Bienenkönigin“ ist mit mir gereist, wurde, im Pappkarton, sorgsam in der Hand getragen.

War die Abneigung weg? Oder denkt man: Hauptsache, ich besitze einen Beuys?

Das kam nie infrage. Ich habe immer schon aufs Kunstwerk gekuckt. Später, als Beuys berühmt wurde, war seine Person eine große Attraktion. Viele Leute haben neben der Person die Kunst gar nicht mehr wahrgenommen. Ich wollte die Kunst! Das hat ihm gefallen. Die „Bienenköniginnen“ markieren den Moment, an dem sich seine künstlerische Eigenständigkeit im Jahre 1952 materialisiert.

Seine Anfänge lagen in der klassischen Bildhauerei.

Er hat bei Ewald Mattaré angefangen, nahm davon, was er brauchte. Bis in die späten 50er-Jahre, frühen 60er-Jahre war die zeitgenössische Plastik explosiv, war künstliche Energie, die den Raum zu erobern trachtete. Beuys’ „Bienenkönigin“ war das erste Stück, das ich in meinem Leben gesehen hatte, das der Schwerkraft gehorchte. Ich dachte ja zuerst, dass da drei Haufen Scheiße liegen. Das war aber das feinste, das ausgeklügeltste Stückchen Kunst – sicher, in brauner Farbe... Als mir das klar wurde, wusste ich: Das ist ein ganz großer Bildhauer. Meine Freundschaft, meine Bekanntschaft mit Joseph Beuys hat bis zu seinem Tode gehalten. Da er so ein Landarztprinzip hatte bei den Käufern, hat er mir auch immer noch etwas gegeben: Jeder bezahlte nach seinen Möglichkeiten. Er war durchdacht und kontrolliert; monetär durchaus bewusst, wichtiger war aber für ihn, dass er seine Werke in guten Händen wusste und ihr Zusammenbleiben gesichert war.

Sie hatten 1999 Ihre Fotosammlung im Lenbachhaus ausgestellt. Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt?

Ich bin 1972 nach München gezogen. Das Lenbachhaus war damals die einzige Adresse in der Stadt, die zeitgenössische Kunst zu pflegen begann. Das war eine Entwicklung. Michael Petzet fing an, Armin Zweite und Helmut Friedel führten das weiter. 1981 gab es die Ausstellung „Beuys aus Münchner Sammlungen“.

Der Ankauf von „Zeige deine Wunde“ war sehr umstritten.

Das war heftig, aber es ist gut gegangen. Jedenfalls waren sie im Lenbachhaus die Ersten, die sich in München für Beuys interessierten. Wir hatten 1974 unseren Verlag gegründet, und Zweite hatte eine Vortragsreihe mit unseren Autoren angesetzt. Einige Ausstellungen haben wir zusammen gemacht, gerade zur Fotografie: Heinrich Zille zum Beispiel und Walker Evans. Da hat sich eine Nähe ergeben, ähnlich wie zur Fotosammlung des Münchner Stadtmuseums.

Von Ihrer Beuys-Sammlung war aber nicht die Rede?

Ich dachte nur, es wäre schön, wenn sie zusammenbliebe. Aber es gab nur eine Anfrage vom New Yorker Museum of Modern Art. Nun jedoch kam Helmut Friedel und hat Wünsche angemeldet. Und wenn Wünsche angemeldet werden, muss man sie auch ernst nehmen (lacht). Dann habe ich kurz auf meine Lebensuhr geschaut und gedacht: Ho, ho, noch eine Einweihung eines Münchner Museums werde ich nicht erleben. Friedel erklärte, er wolle Beuys im alten Ateliertrakt des Lenbachhauses ausstellen – und er hat tätiges Interesse gezeigt durch den Ankauf von „Vor dem Aufbruch aus Lager I“. Die anderen Werke wollte er auch haben, konnte sie aber nicht bezahlen, und Dauerleihgaben wollte er nicht. Er hätte sie gerne geschenkt (lacht), sagte er. Gut gewollt Löwe! Ich aber dachte, es wäre vernünftig, diese Möglichkeit zu ergreifen und zu schenken.

Wie sehr tut dem Sammler das Herz weh, wenn er sich von seinen „Kindern“ trennen muss?

Ich kann sie sehen hier in der Stadt. Der Beuys hätte es sicher auch gern so gehabt. Eine Sammlung muss im Übrigen lebendig bleiben, sich weiterentwickeln. Das Gebäude hat außerdem die Dignität der Geschichte. Das Team im Lenbachhaus ist weltläufig. Beuys und der „Blaue Reiter“ passen zusammen: der Theosoph Wassily Kandinsky und der Anthroposoph Beuys – und die Tiere von Franz Marc und der Kojote von Beuys. So gibt es jetzt im Lenbachhaus einen Beuys-Flügel mit Schirmers Federn. Da Beuys Flieger war, ist das ganz richtig so.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Das passende Buch:

„Joseph Beuys im Lenbachhaus – Schenkung Lothar Schirmer“. Schirmer/Mosel, München, 160 Seiten, 90 Abbildungen; 49,80 Euro. Erscheinungstermin ist der 23. April.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare