Vordenker im Duell

- Sir Simon hieß damals noch schlicht Simon Rattle, war aber als britischer Jungmaestro und Musikchef in Birmingham bereits eine Instanz mit internationaler Ausstrahlung, als Herbert von Karajan ihn 1987 anrief. Gesucht: ein schneller Ersatz für "Figaro" in Salzburg und Berlin. Man redete über dies und das, bis der smarte Lockenschopf den arrivierten Glamourstar verprellte. Mit der historischen Aufführungspraxis, der Rattle sich verschrieben hatte, durfte man dem Philharmoniker-Zeus nicht kommen. Karajan erwiderte barsch: "Ich weiß wirklich nicht, in welchem Stil Sie zu dirigieren meinen, ich jedenfalls mache es im Stil von Mozart." Und legte auf.

<P></P><P>Nein, Freunde machte sich Rattle mit seiner heute allseits gerühmten Qualitätsoffensive nicht überall. Die konservativen Platzhirsche fürchteten den charismatischen Erneuerer, ihre Orchester stellten ihm listig Fallen. Doch letztlich hat Rattle alle Schlachten gewonnen, ist nun als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker im Musik-Olymp angekommen. In Berlin liefert sich Rattle ein Duell der Superlative vor allem mit Kent Nagano, dem Leiter des Deutschen Symphonieorchesters. Christian Thielemann und Daniel Barenboim, Musikchefs der Opernhäuser, versorgen derweil die konservative Klientel. Rattle gegen Nagano also. Der Henschel Verlag hat zwei Biografien herausgebracht, die sich den zwei musikalischen Vordenkern widmen. Beide Bücher haben ihre Meriten, befriedigen aber nicht ganz.</P><P>Nicholas Kenyon, früher Musikkritiker, jetzt Direktor der BBC Proms, hat sein Rattle-Buch von 1987 lediglich aktualisiert und um den Berlin-Hype dieser Monate ergänzt. Man fährt beim Lesen Achterbahn mit dem Helden, wird aufgeklärt über Höhe- und Tiefpunkte, nimmt ätzende Kritik, persönliche Krisen und berufliche Autoritätsprobleme genauso wahr wie den Aufstieg zum Berliner Top-Job. Viele Äußerungen Rattles geben dem Buch Authentizität, machen es aber streckenweise auch zu einem reinen Zitat-Sammelsurium.</P><P>Habakuk Traber, Programmheft-Autor bei Naganos Deutschem Symphonieorchester, erkennt bei seinem Protagonisten kaum Fehler und Schwächen. Für ihn war der amerikanische Maestro japanischer Abstammung bereits als Musikchef in Lyon und Manchester ein begnadeter Programm-Visionär. Brüche, Widersprüche, Krisen - nirgends. Für das Nagano-Buch spricht aber die musikalisch-dramaturgische Kompetenz des Autors, zudem wirkt es geschlossener und homogener als das Rattle-Pendant.</P><P>Wer beide Musikbücher parallel liest, profitiert am meisten. Kenyons "Abenteuer der Musik" ist ein Anekdoten-Schatzkästchen, auch wenn private Dinge nahezu gänzlich ausgeblendet werden, Trabers "Musik für ein neues Jahrhundert" ist ein glänzend geschriebener Leitfaden für innovative Programm-Dramaturgie. Also für das, was Nagano in Berlin offeriert: Konzertplanung auf drei Jahre sowie Werk- und Zeitverschränkungen; etwa zwischen den Sätzen von Bruckners Neunter Schönbergs "Erwartung" spielen. Privates bleibt freilich auch bei der Nagano-Zwischenbilanz weitgehend ausgespart.</P><P>Dass beide, der eine im Sonnenstaat Kalifornien aufgewachsen, der andere im dreckigen Liverpool, alles andere als Antipoden sind, macht die Parallel-Lektüre deutlich. Nagano wie Rattle empfahlen sich durch substanzielle Aufbauarbeit in der Provinz, setzten sich stark für die klassische Moderne und Neue Musik ein, sind statt mit Beethoven mit Mahler, Schostakowitsch und Messiaen aufgewachsen. Die Erwartungen an ihre Berliner Doppel-Ära sind hochgespannt. Einen Eindruck zumindest von Rattles Arbeit können sich TV-Zuschauer am 31. 12. verschaffen: Dann überträgt das ZDF das Silvesterkonzert aus der Hauptstadt.</P><P>JAN SCHLEUSENER</P><P>Nicholas Kenyon: "Simon Rattle. Abenteuer der Musik". Aus dem Englischen von Maurus Pacher. Henschel Verlag, Berlin. 335 Seiten, 25 Euro.<BR>Habakuk Traber: "Kent Nagano. Musik für ein neues Jahrhundert". Henschel Verlag, Berlin. 240 Seiten, 22 Euro.</P>

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