Voreschau auf Kunst-Biennale: „Wir können nicht Schlingensief spielen"

Venedig - Vogelgezwitscher in Venedig - kein Laut von Urlaubermassen oder Vaporettoverkehr dringt durchs Telefon ans Münchner Ohr. Susanne Gaensheimer bestätigt beim Gespräch sogleich, dass sie in den Giardini (Gärten) ist, in dem traditionsreichen Park also, in dem die Nationen-Pavillons der Kunst-Biennale stehen.

„Ich sitze hinterm Deutschen Pavillon, hier ist es am ruhigsten.“ An die Idylle glaubt sie nicht so recht: „Das ist die Ruhe vor dem Sturm.“ Der bricht erfahrungsgemäß am 1. Juni los, wenn die Tage der Pressevorbesichtigung starten. Dann arbeiten sich Horden von Journalisten, aber auch Kunsthändler, Museumsleute und die Künstler selbst durch das gigantische Angebot, das sich in den Giardini und dem Arsenale, der alten venezianischen Werft, über große Flächen erstreckt. Nur einer wird nicht dabei sein: Christoph Schlingensief (1960-2010). Aber viele werden an ihn denken - und er wird indirekt sehr präsent sein.

Gaensheimer, seit 2009 Chefin des Museums Moderner Kunst in Frankfurt am Main - uns Münchnern bekannt vom Lenbachhaus - und Kuratorin des Deutschen Pavillons, hatte sich diesen Multi-Künstler für ihren ersten Auftritt bei einer der weltweit wichtigsten Expositionen erkoren. Aber Schlingensief starb im vergangenen August und hat viele Ideen, allerdings keine kompakte Handlungsanleitung hinterlassen. „Er wollte sich mit dem Verhältnis Europa-Afrika beschäftigen. Aber auch, im Rahmen seiner Krankheit, mit Vorsorge“, erzählt die Kunsthistorikerin. „Er hätte den Pavillon in ein ,Wellness-Zentrum Afrika‘ oder ,Deutsches Zentrum für Wellness und Vorsorge‘ verwandelt - mit Sauna, Schwimmbad und skurrilerweise afrikanischer Ayurveda. Im Außenraum wollte er die Tradition von Weltausstellungen oder den Völkerschauen, bei denen fremde Menschen vorgeführt wurden, aufgreifen. Und die Fassade hätte er am liebsten in ,Das total verrückte Wirtshaus‘, ein Kirmes-Schaugeschäft, verwandelt.“

Wie hat Susanne Gaensheimer die Enttäuschung verwunden - gerade bei diesen Einfällen -, dass sie nun kein taufrisches Schlingensief-Kunstwerk zeigen kann, sondern eine Art von Retrospektive? „Das war die erste Erkenntnis: Wir können nicht Schlingensief spielen. Ich habe lange mit seiner Frau Aino Laberenz und seinen engsten Mitarbeitern gesprochen. Und daraus entstand ein guter Prozess, eine intensive Zusammenarbeit. Diese Gruppe tauschte sich über die Bedingungen in Venedig und die Ideen aus.“ Dabei hatte jeder seinen Zuständigkeitsbereich. „Wir konnten miteinander diskutieren, und ich habe viel gelernt, gerade auch durch die Theaterperspektive. Die Betreffenden überlegen sich ganz genau jeden Eingriff, den sie machen. Ich wollte das Konzept so lange wie möglich offen lassen, um eben Einblick in diese Welt, in Schlingensiefs Arbeitsweise zu erhalten. Schließlich bildete sich ein Kondensat. Das war ein sehr schöner Prozess. Damit haben wir einen großen Teil der Trauer kompensiert.“ Im Übrigen hätte man gar keine Retrospektive stemmen können, zumal die Mittel begrenzt seien: „Sie bräuchten zwei Jahre Zeit, um das gesamte Œuvre zu sichten. Es wird aber eine Retrospektive geben, 2012/13 bei der Ruhrtriennale.“

Für Venedig habe man sich auf bestimmte Aspekte konzentriert. „Mir war vor allem wichtig, dass sein filmisches Werk einbezogen wird in die bildende Kunst.“ Eine Auswahl von sechs Filmen aus verschiedenen Phasen wird zu sehen sein. Im Hauptraum werde die Bühne seines Fluxus-Oratoriums „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ installiert. „Es geht um Krankheit und Leid, aber auch um Schlingensiefs Beschäftigung mit Beuys, um Wagner und Kirchengesänge.“ Der dritte Aspekt sei das Operndorf in Burkina Faso, das im Entstehen sei. „Ich bin froh, dass wir nicht mit Sterben und Tod aufhören, sondern etwas Fortführendes zeigen können. Das hat auch eine andere Aktualität“, erklärt Gaensheimer, die bewundert, wie Aino Laberenz das Dorf in seinem Werden begleitet: „Sie hält das am Laufen.“ Unterstützung und Geld seien natürlich weiterhin nötig. Was ihr noch Bewunderung abnötigt, ist die Tatsache, „dass hier Kunst und Soziales, Kunst und Realität zusammengeflossen sind“.

Christoph Schlingensief ist in Deutschland sehr bekannt. Durch Gaensheimers Schau im Deutschen Pavillon der 54. Biennale di Venezia wird er einer Weltöffentlichkeit sichtbar gemacht. „Ja, uns geht es darum, sein Werk auf einer internationalen Plattform der Gegenwartskunst vorzustellen. Deswegen habe ich auch alle Filme untertiteln lassen. Wie die Besucher reagieren, weiß ich nicht. Ich bin zufrieden, wenn klar wird, dass er nicht nur ein toller Performer war, sondern ein ernsthafter Künstler - mit einem sozialen Anliegen, zugleich einer, der sich selbst immer wieder analysiert hat. Es wird außerdem gezeigt, dass sein Werk ohne ihn weiterleben kann, obwohl seine Auftritte ja sehr stark waren.“

Simone Dattenberger

Biennale di Venezia

4. Juni bis 27. November

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