Vorhersehbares Mittelmaß

- Selbstverständlich "gilt's der Kunst" in allen Musenheimen, nicht nur in Bayreuth, wo der Merkspruch zur Nachkriegslosung wurde. Aber ein paar Zweifel bleiben schon, wenn man auf die Münchner Opernsaison zurückblickt, eine Spielzeit, die vor allem dominiert wurde von personellen Entscheidungen. Und die mögen nicht immer aus hehren Überlegungen heraus passiert sein, manchmal vielleicht auch nur, weil man nicht länger darüber nachdachte und einfach - siehe Gärtnerplatz - bequem ins Angebotsregal griff.

Dass solche Entscheidungen das Theatererlebnis in den Hintergrund drängen, ist naturgemäß, liegt hier aber auch an den Inszenierungen. Denn qualitativ gesehen, läuft gerade eine sehr ernüchternde Spielzeit ab, aus der nur "Alcina", der fulminante Staatsopern-Händel in der Regie Christof Loys, herausragte. Das gebührt dieser Produktion auch, doch muss solches in der teuer erkauften Musikstadt München eigentlich Regelfall sein - und keine einsame Perle.

Mit der Berufung von Klaus Bachler als künftigem Intendanten und mit der Abservierung des eigentlich geplanten Christoph Albrecht scheint die Bayerische Staatsoper einer rosigen Zukunft entgegenzublicken. Auch wenn der Boxenstopp womöglich 600 000 Euro kostet. Regietechnisch könnte das eine Generalüberholung bedeuten, die das Haus auch langsam nötig hat: Abgesehen von Mozarts "Zauberflöte" als aufgemöbelter Everding gab es Brittens "Billy Budd" in Peter Mussbachs achtbarer Deutung und Cavallis "La Calisto" als einen munteren Barock-Beitrag von David Aldens Fließband.

Wie schon in früheren Jahren missglückten die Anstrengungen im so wichtigen Verdi-Repertoire: "Rigoletto" (Doris Dörrie) hätte nicht herauskommen dürfen, mit "La forza del destino" präsentierte sich ein unschlüssiger, womöglich ausgebrannter Alden. Und Großartiges wie Loys "Alcina" hätte man schon öfter haben können, viel zu lange wurde dieser Regisseur hier ignoriert.

Das Pendant zu Dörries Reinfall war am Gärtnerplatz Lortzings "Waffenschmied" von der Bayreuther Kronprinzessin Katharina Wagner. Auch mit Bizets "Carmen" (Jochen Schölch) und Puccinis "Madame Butterfly" (Dörrie) wurde man nicht recht glücklich, während bei Heubergers "Opernball" (Josef E. Köpplinger) Solides passierte, das fürs Repertoire taugt. Eine positive Überraschung war "Majakowskis Tod" von Dieter Schnebel (Regie: Florentine Klepper), mit der das Theater seine Kompetenz bei ungewöhnlichen Projekten bewies.

Musikalische Freuden

Ob dies zu seinen Kernaufgaben gehört, ist gewiss diskutabel. Intendant Klaus Schultz nimmt ja gern Wagnisse ins Programm und hat zudem bei Regisseuren nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen. Das Ministerium jedenfalls, alarmiert von zu geringer Auslastung, will Schultz nicht mehr. Nach angeblicher Sichtung des gesamten deutschsprachigen Raumes ist man ausgerechnet auf die Nachbarschaft gekommen, auf Ulrich Peters vom Stadttheater Augsburg, der nun für den "Aufbruch" sorgen soll.

Dabei steht das Haus musikalisch akzeptabel da: Das Ensemble funktioniert, Dirigate von Constantinos Carydis, Ekkehard Klemm und Andreas Kowalewitz sicherten gute Abende, einzig Chefdirigent David Stahl rangiert momentan in zweiter Reihe. An der Staatsoper brillierte der Chef Zubin Mehta eher im Repertoire, die "Billy Budd"-Einstudierung von Kent Nagano, GMD ab 2006, berechtigte zu großer Vorfreude. Dazu garantierten die vielen Aufführungen mit Ivor Bolton sowie Gastspiele von Michael Hofstetter, Fabio Luisi, Peter Schneider und dem viel zu früh verstorbenen Marcello Viotti für ein hohes, angemessenes Niveau.

Doch mag es an der Isar gelegentlich zum kleinen Opernglück reichen: Interessantes, Aufregendes spielt sich woanders ab. Etwa im Rhein-Main-Gebiet um das wiedererstarkte Frankfurt, auch mit großer Beständigkeit in Stuttgart - Häuser, von denen München in Sachen Regie abgehängt wurde. Denn dass die hiesige Saison 2005/ 06 so ausfiel, ist ja keine Überraschung und vielen angesichts der aufgebotenen Namen klar gewesen: schon beunruhigend, wenn sich das Mittelmaß vorher abzeichnet.

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