Vorsicht Fußangeln

- Richard Wagners "Bühnenweihfestspiel" bleibt ein Stein des Anstoßes: Was anfangen mit dem "Parsifal", in dem buddhistische Leidensphilosphie und Weltenpessimismus à` la Schopenhauer mit christlich verbrämten Erlösungsfantasien zusammenfließen zu einem wunderlich-wunderbaren Gesamtkunstwerk? Wie der auf jeder Partiturseite lauernden Gefahr ausweichen, in pseudoreligiöse Mystifikationen abzugleiten?

<P>Mit ihrer Wiederaufnahme des Stücks pünktlich zum Palmsonntag trat die Bayerische Staatsoper gleich in die erste der diesbezüglich ausliegenden Fußangeln - Peter Konwitschnys Inszenierung kündet, einige Jahre gealtert, von einer Ratlosigkeit, die die auseinander strebenden Teile nicht mehr zu einem Ganzen zusammensetzen mag. Das Auge nahm die zahmen Dekonstruktionen hin, die Gleichsetzung des Grals mit der marienhaft glorifizierten Kundry, die eingebunkert vegetierenden Gralsritter, die durch Genitalverstümmelung blutigen Windeln des Amfortas und Klingsors. Wie aber befeuerten sich angesichts solcher Leidenschaftslosigkeit die größtenteils neu besetzten Protagonisten zu musikalisch-darstellerischen Spitzenleistungen? Philippe Jordan führte - erstmals - mit präziser Geste und Gespür für den großen Atem das Bayerische Staatsorchester durch den Zaubergarten der "Parsifal"-Partitur und wich der Gefahr musikalischen Frömmelns trotz breiter Tempi diesseitig-dinglich aus.<BR><BR>Töne des Leidens</P><P>Zu dinglich gelegentlich: Im zweiten Akt etwa legte sich das Orchester so üppig über den Gesang, dass vom Chor der Blumenmädchen kaum etwas in den Zuschauerraum drang. Die Solisten indes verfügten sämtlich über die stimmlichen Reserven, hier Paroli zu bieten: Alan Titus sang zum ersten Mal in München den Amfortas, kraftvoll, fast jugendlich, dabei mit irisierenden Tönen des Leidens. Für ihre Kundry musste Gabriele Schnaut am Ende einige zaghafte Buhs in Kauf nehmen - einigen schien die angenehm klare, unschwülstige Sicht auf die Rolle nicht in ihre Femme-fatale-Fantasien zu passen.<BR><BR>Als Parsifal schöpfte John Keyes aus fundiertem tiefem Register die nötige Kraft für expressiv modulierte Spitzentöne. Dem Gurnemanz verlieh altbewährt Jan-Hendrik Rootering edles Basses-Gewicht. Der kurzfristig für Franz-Josef Kapellmann eingesprungene Tom Fox vermochte als Klingsor schön-sonores Singen mit präziser Textartikulation unter einen Hut zu bringen - an diesem Abend ein Ausnahmetatbestand.<BR></P><P><BR> </P>

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