Vorsicht zerbrechlich!

- "Vorsicht Freiheit!", warnt das Mannheimer Nationaltheater schon von weitem auf den Spruchbändern, die es sich um die nüchterne Nachkriegsfassade gehängt hat. Mit der Ironisierung des beliebtesten Schiller-Schlagworts schmückt sich provozierend das Haus, das in diesen Tagen die 13. Internationalen Schillertage veranstaltet. Im Jahr seines 200. Todestages will es dem schwäbischen Dichter freilich mit einem noch ambitionierteren Programm als sonst - Gastspielen, Eigenproduktionen, Experimenten - besondere Ehre erweisen.

<P>Und während man sich in München die Freiheit nimmt, das Schillerjahr eher unbemerkt vorüberziehen zu lassen, während die hiesigen Bühnen auf ihren schulklassentauglichen Repertoire-Schiller vertrauen, leistet sich Mannheim eine Neuproduktion zur Eröffnung. <BR><BR>Schweizer Heimatkunde</P><P>Aber nicht "Die Räuber", die in Mannheim 1782 uraufgeführt wurden und Schiller zum Durchbruch verhalfen, sollen hier denkmalpflegerisch Traditionen zementieren. Sondern das andere, volkstümlichere der großen Schiller'schen Freiheitsdramen, der "Wilhelm Tell", wurde gewählt, um das auf die Fahnen geheftete Freiheits-Motto auch auf der Bühne hoch zu halten. Thomas Langhoff nahm sich in Mannheim des schweizerischen Nationalstoffs, des Widerstands gegen die Tyrannei, an. Aber der Regisseur hält es mehr mit der Vorsicht denn mit der Freiheit. Eine seltsame Unentschiedenheit dämpft diese Aufführung. Weder kann sie sich entschließen, Idealisierungen zum Trotz fröhlich die Ironie von "Vorsicht Freiheit!" auf die Bühne zu bringen. Noch traut sie sich, ernst und aufwühlend dem Pathos und der Zwiespältigkeit des Tyrannenmords auf den Grund zu gehen. <BR><BR>Zurück bleibt ein Gefühl, das sich ausgerechnet im Schiller-Jahr, wo allerorten mit Recht die Aktualität des Dichters beschworen wird, nicht einstellen sollte: dass dieser "Wilhelm Tell" ein Stück schweizerischer Heimatkunde ist und besser in schattenreichen Bergtälern vor sich hinmodern sollte, als mit mühsamen Milieuschilderungen, ältlichen Requisiten und zumeist nostalgischen Kostümen ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Das Beste ist die Bühne in Toblerone-Land: Mathis Neidhardt hat einen Gebirgszug in dreieckige Scheiben geschnitten, die, auf Schienen verschiebbar, eine Berg- und Tal-Landschaft, aber auch eine geschlossene Mauer bilden können. <BR><BR>"Mit dem Pfeil, dem Bogen" kommt da der Schütz aus immer neuen Winkeln gezogen, oder aber er seilt sich über die Steilhänge des Berg-Bausatzes ab. Markus John spielt einen Tell, der durch alle Gefahren schlafwandelt. So sehr dieses an Regungen arme Eigenbrötlertum der Figur angemessen sein mag - man hat den Eindruck, der Tell mache hier gar nicht mit und habe sich nur in die Inszenierung verirrt. Erst in der "Apfelschussszene" wacht diese Figur auf und wird zum Querkopf, aber auch nur durch das Zusammenspiel mit Till Weinheimer, der als scharfzüngiger, zynischer, grässlicher Geßler brilliert. Hätte man ihm die scheinbar unvermeidlichen Nazi-Attribute erlassen - Reiterhosen, -stiefel und 30er-Jahre Motorrad -, dann wäre die Szene noch stärker geworden. Die einzige übrigens, die mit ihrem angehaltenen Atem, mit der Hilflosigkeit und der Angst vor Feigheit, die das Ensemble plötzlich verströmt, den Betrachter zum innerlich beteiligten Zuschauer macht.<BR><BR>Und so ehrenwert und hübsch die Idee ist, Hanns Eislers Schauspielmusik zu "Wilhelm Tell" zu verwenden - sie trägt dazu bei, die Inszenierung ins Museum zu entrücken, wo die Figuren die meiste Zeit verlegen ihre Knautschhüte in den Händen drehen. Die kleinen Freiheiten, die sich Langhoff nimmt - Berta und Rudenz gestehen sich etwa ihre Liebe beim Ball, nicht bei der Jagd -, können nicht vertuschen, dass der Regisseur vor einem Bekenntnis zur künstlerischen Freiheit, vor der Formulierung seiner Freiheitsauffassung geflohen ist. "Vorsicht Freiheit!" bedeutet in diesem Zusammenhang auch: "Vorsicht zerbrechlich!". Nicht nur für die Werte des großen Klassikers, auch für seine Werke.</P><P>Bis 12. Juni; www.schillertage.de, Tel. 0621/ 16 80 -200. </P>

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