Vorsprechen im Schlafzimmer

- "Honorar: Zucker, Speck, Mehl, eine Kiste Zigarren. Schätze! ... Brechend volle Häuser. Ja, das war wunderbar. Die Zuschauer in Mänteln. Es war kaum geheizt. Nach der Vorstellung Kohlen geklaut auf dem Verschiebebahnhof in Hittfeld vor Hamburg. Herrlich im Nachhinein? Mit Abstrichen." Ein Großer des deutschen Theaters erinnert sich: Kurt Hübner. Schauspieler, Regisseur, Intendant ­ vor allem Intendant.

Talente-Entdecker. Förderer und Beförderer. Ein wacher Geist bis ins hohe Alter. Am kommenden Montag, 30. Oktober, wird der in München lebende Hübner 90 Jahre alt. In einem aus diesem Anlass von Dietmar N. Schmidt herausgegebenen Buch denkt er zurück an die Anfänge 1945 ("Kurt Hübner ­ Von der Leidenschaft eines Theatermenschen", Henschel Verlag, Berlin, 24,90 Euro).

Kaum ein Künstler von Rang, der nicht durch die Schule Hübners gegangen ist. Die Regisseure Peter Stein, Peter Zadek, Hans Neuenfels, die Bühnenbildner Wilfried Minks und Jürgen Rose, die Schauspielerinnen Hannelore Hoger und Jutta Lampe, die Schauspieler Vadim Glowna und Bruno Ganz.

Sie alle schreiben in diesem Buch. Schön zu lesen, wie sich sowohl Ganz als auch der Intendant an ihre erste Begegnung am Theater Bremen erinnern. Hübner: "Ich lag im Bett, war krank. Da kam der Bruno Ganz, der hatte schon dem Minks und dem Zadek vorgesprochen, die gemeint hatten, er sei ein hochbegabter, interessanter junger Mann. ... Sein ganzes Verhalten war so ungewöhnlich, auch seine Widerständlichkeit, auch dass er eher murmelte als sprach, halb zu uns gekehrt, halb auch zur Wand, dass es mich faszinierte."

Und Bruno Ganz: "Sie brachten mich zu ihm nach Hause in sein Schlafzimmer, da lag er also im Bett, er war erkältet, und ich musste Prinz von Homburg vorsprechen.\x0f.\x0f. Da war ich etwas erstaunt über die Heftigkeit, mit der er mich danach angriff und das alles nicht so toll fand. Er hat mir dann doch einen Vetrag angeboten."

Es ist einer der schönsten Beiträge im Buch, den Ganz hier geliefert hat über jenen Theatermenschensammler, ohne den die Moderne des deutschen Nachkriegstheaters ein anderes, weniger politisches und längst nicht so munteres Aussehen gehabt hätte. Der in Hamburg geborene Kurt Hübner war Intendant der Theater Ulm, Bremen und der Freien Volksbühne Berlin.

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