Der vorvorletzte Ton

- "Long, long ago" singen die drei älteren Herren in Anzügen so breit, als spielte man eine Single mit 33 1/ 2 statt 45 Umdrehungen ab, und mit Mienen, die kaum merklich zwischen lasziv und hochzerknirscht variieren. So begehen Ars Vitalis ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum im Münchner Lustspielhaus.

Auch. Der Abend ist einer der verschiedenartigsten Extreme: Frei nach der Devise "I am simple, you are simple, life is simple, too" entladen sie ihren Fantasieüberschuss in Gesichtern, Stimmen und unkonventionell gespielten bis gebauten Instrumenten, in einer grotesken Dada-Collage.<BR><BR>Ars Vitalis schreiben die deutsche wie die tonale Sprache neu, kürzen sie auf weniger als das Notwendigste (und selbst das nur, wenn man ein Auge zudrückt), mit einem Selbstverständnis, als habe es vitalitätsbedingt ihr Arzt empfohlen. Dieses Rezept bringt ihnen eine schnelle Linderung akuter Symptome von Normalität, dem Publikum aber tiefe Runzeln auf die Stirn und starke Schmerzen im Lachmuskelbereich.<BR><BR>Durchgehend wirken sie wie Amateure, die zum eigenen Playback den Mund bewegen. Doch trotz aller Neuschöpfungswut ist zu verstehen, was die drei sagen oder nicht sagen wollen, zu hören, dass die musikalische Qualität sich - auch in konservativen Ohren - auf hohem Niveau befindet. Ars Vitalis ist die Kunst des Simulierens des Simulierens. Understatement der feinsten Art.<BR><BR>"Die Zeit ist ein Hase", philosophieren sie mal eben in den Raum hinein, und während der Zuschauer noch zweifelt, hat mindestens einer der drei grundverschiedenen Originale sich schon wieder an einen anderen Gedanken angeschlichen. Schließlich muss die rücksichtslose Abwechslung in den musikalischen Zitaten zwischen leisem Rotlicht-Gesäusel, klagenden Klezmer-Klängen und ohrenbetäubendem Blech-Rap gewahrt werden.<BR><BR>Auch symbolisch verzichtet das Trio auf den letzten, abschließenden Ton: Die zu feiernde 25 schreit nach einer nächsten, und es ist höchste Zeit für die Jim-Henson-Company, zu den zwei Alten aus der Muppet-Show einen dritten hinzuzudichten.<BR><BR>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland
Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.