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Übernimmt die Münchner Philharmoniker: Lovin Maazel.

Votum für Maazel zur Schicksalssymphonie

Osaka - Ausgerechnet vor der Fünften. Vor der „Schicksalssymphonie“. Vor jenem Hit, dessen Programm vom „Durch-die-Nacht-zum-Licht“ wie ein boshafter Kommentar zur aktuellen Situation wirkt.

Vor jenem Beethoven also war die Nachricht dann auch ins ferne Osaka gedrungen, wo die Münchner Philharmoniker gerade ihre Japan-Tournee eröffneten: Stadtratsvotum mit 81:0 für Lorin Maazel – „ein Kantersieg“, wie ein Musiker hinter der Bühne in der Osaka Symphony Hall lästerte. Während also der Noch-König Christian Thielemann im ersten Jubel der Reise badete, krönte München den Nachfolger. Absicht mag vielleicht keine dahinterstecken – es schmeckt trotzdem nach Affront.

Es ist die letzte große Reise, die Münchens Philharmoniker mit Thielemann absolvieren. Nach Japan, in jenes Land, das fast als einziges noch eine finanziell einträgliche Tournee verheißt und wo das kundige Publikum nach West-Künstlern dürstet. Fünf Konzerte in Osaka, Nagoya, Fukuoka, Yokohama und Tokio stehen auf dem Reiseplan, fünfmal heißt es „ausverkauft“ – obgleich beim Auftaktabend ein paar leere Plätze auffallen.

Dass es die Japaner vor allem auf Thielemann abgesehen haben, räumt nicht nur der Veranstalter, sondern auch manch Philharmoniker ein. Im Foyer der Osaka Symphony Hall werden Thielemann-CDs mit den Münchnern, aber auch mit den Wiener Kollegen angeboten, dazu DVDs mit Celibidache und noch mehr Scheiben mit dem Solisten des Abends, mit Vadim Repin. Der hat, obwohl er sich mit Thielemann gut abstimmt, eine leicht andere Vorstellung von Brahms’ Violinkonzert. Repin spielt mit substanzreichem Ton, brilliert mit der höllisch ausufernden Heifetz-Kadenz und gibt im langsamen Satz den süßstofffreien Erzähler. Eingerahmt wird das vom fulminanten „Meistersinger“-Vorspiel und eben Beethovens Fünfter, dessen Thielemann-Furioso das Orchester gelegentlich ins Schwimmen bringt. Als Zugabe ein auf zehn Minuten verdichtetes Drama: die „Tannhäuser“-Ouvertüre.

Ganz wie in Japan üblich, platzt es erst nach den Stücken aus den Konzertbesuchern heraus. Davor: Stille in den Foyers und im akustisch hervorragenden 1500-Plätze-Saal. Nur die helle Stimme der Getränkeverkäuferin und ausgelassene Gespräche der Münchner Delegation durchschneiden die gedämpfte Stimmung – die Minuten vor Beginn eines katholischen Gottesdienstes klingen ähnlich. Auf dem Podium hält’s der Chef dann mit Lehár: immer nur lächeln. Ein schönes Solo (was an diesem Abend besonders Oboistin Marie-Luise Modersohn betrifft) oder ein gelungener Übergang werden von Thielemann mit zufriedenem Grinsen bedacht.

Und trotzdem tun sich die zwei philharmonischen Welten auf. Die Welt des Konzerts, wo mit hoher Spiel- und Klangkultur der Zwist um Thielemann professionell wegmusiziert wird. Und die Welt des Davor und Danach. In der sich das verheerende letztjährige Sommergewitter noch nicht verzogen hat. In der auch Gespräche zeigen, dass die Wunden längst nicht verheilt sind. Manch Instrumentalist bringt ungefragt das Thema Thielemann aufs Tapet und rechtfertigt sich emotional für die Entscheidung gegen ihn. Und auch der Dirigent führt sein Elefantengedächtnis vor: Nach dem erfolgreichen Auftaktkonzert genießt er zunächst exquisites japanisches Essen, ist zu scherzhaftem Plaudern aufgelegt, bevor dann doch der Vulkan ausbricht.

Deutlich wird aber auch: Viele Philharmoniker sind froh über die Wahl Lorin Maazels. Mit „überwältigender Mehrheit“, so wird erzählt, habe sich das Orchester in einer Versammlung vor der Reise für den 80-Jährigen ausgesprochen. Auch deshalb, um Zeit zu gewinnen. Um Dirigenten zu testen, damit ein Neustart gelingt – dessen Umrisse sich nur schemenhaft abzeichnen. Ein junger, vielversprechender Dirigent soll es sein. Natürlich. Ein Wunschtraum, mit dem die Münchner auf dem Weltmarkt dummerweise nicht allein sind. Der 50-jährige Noch-Chef nimmt die verbleibenden Monate mit Berliner Pragmatismus: „Ich habe ja och lieber ’n Orchester vor mir, das jut jelaunt ist.“

Markus Thiel

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