Auf der Waagschale des Lebens

- "Eine beginnende Liebe, eine Liebe, von der man nicht einmal weiß, dass man sie fühlt, ist ein Schwächeanfall, nein, eine Folge von Schwächeanfällen, und die Minuten dazwischen verziehen sich ins Maßlose". Die Figuren in Feridun Zaimoglus neuen Erzählungen "Zwölf Gramm Glück" sind zaghafte Liebesneurotiker.

<P>Sie lieben das Leben, die Frauen und die Liebe selbst, verstellen sich jedoch den Weg dorthin, weil sie zu selbstreflexiv, einzelgängerisch, "zu anorganisch" sind. Ihr Pessimismus umfasst Diesseits wie Jenseits, wie Zaimoglu die beiden Teile seines Buches nennt; auch das Paradies ist das lange Anstehen nicht wert.<BR><BR>Kapitelüberschriften wie "Häute" (die Geschichte, für die er 2003 den Bachmann-Preis erhielt), "Libidoökonomie", "Götzenliebe" oder auch "Der Kranich auf dem Kiesel in der Pfütze" versprechen es: Zaimoglus Sichtkreis auf die Welt ist uneingeschränkt. Im unbarmherzigen Präsens reiht sich die unruhige Skyline seiner ungeschönten Bilder; Wichtiges steht eng an der Seite von Gewöhnlichem. </P><P>Diskussionsthemen wie Vergewaltigung, Religionskampf und Übertritt zum Islam, die andernorts vorsichtig abwägend Bücher füllen, fallen bei ihm scheinbar en passant und wie selbstverständlich, als das, was sie mitunter auch nur sind: Elemente einer bestimmten Alltagswirklichkeit. Statt Bedeutungsschwere wählt der Autor zwölf Gramm Glück, für jedes Kapitel eines. Das ist wenig, doch es genügt seinen Figuren, um sich im Angesicht von Pessimismus und Atheismus und im ständigen Kampf mit dem Freitod in Sicherheit zu wiegen.<BR><BR>Durchgehend bewegt Zaimoglus Buch die Frage nach dem Nicht-Verstehen zwischen Mann und Frau, die Hilflosigkeit, die daraus resultiert und sich im Bauch mit der Liebe vermischt. Lügen oder Liebesdienste: "Wir leben von dieser Art von Mißverständnissen. Wir sind eine verdammte Laienspielgruppe." Manchmal folgt ein Schulterzucken, manchmal die Rückkehr der Suizidgedanken, immer ist irgendwo das kleine Quäntchen Glück versteckt, das so wenig auf die Waage bringt und doch so leicht so viel wiegt. "Glaube mir, es geht ganz schnell, daß man anfängt, sich nach einem Fremden zu sehnen."<BR><BR>In einer eigenwillig zwischenweltlichen Mischung aus Rosenkranz und Mobiltelefon reichen die Geschichten vom Zauber einer normalen Annäherung über die Anrufe einer "anonymen Telefonerotomanin" bis in stellenweise äußerst befremdliche Welten von Gotteskriegern und Herzpredigern, auferstehenden Hexern und Kindsoldaten. Zaimoglus Texte sind wie der Wortschwall seines Erzähler-Ichs: "ein Erguß aus dem Herzen ohne Filter und Schalldämpfer".<BR>Frauen, die den Konjunktiv beherrschen, verschrobene Menschen ohne Atmosphäre, die Welt als "Gottes Simulationskammer". </P><P>Wieder beweist sich Zaimoglu als ein Wortkünstler im Gedankenspagat. Die präzise Beschreibung beherrschend, bringt er es fertig, in einem Atemzug gleichzeitig die örtlichen Zollbestimmungen, das Lächeln einer neuen Liebe und die Zusammensetzung ihres Viskose-Schals zu behandeln. Das lässt den Leser oft in Bewunderung, aber auch schon mal in Unverstehen für das Treiben(-lassen) im tabulosen Assoziativstil. Doch man muss ausharren und weiterlesen, dann spült einen der Text von selbst wieder an Land.<BR><BR>Zum Ende nämlich folgt, nach einem letzten apokalyptischen Lebensentwurf, ein tatsächliches und wunderschön poetisches Finale: Vielleicht hat das Dasein mehr zu bieten als nur ein "gut", und bis dahin bleibt einem immer noch das Philosophieren im Wartezimmer des Lebens. "Wir haben uns richtig entschieden: was hätten wir sonst tun sollen?"</P><P>Feridun Zaimoglu: "Zwölf Gramm Glück". <BR>Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köl, 240 Seiten<BR> 17,90 Euro.</P><P> Der Autor liest am 20. April 2004 um 20 Uhr in der Buchhandlung Moths.<BR></P>

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