Den Wachwechsel versalzen

- Ein doppelzüngiges Orchester? "Anton Bruckner freut sich auf Christian Thielemann", plakatieren die Münchner Philharmoniker überall in der Stadt, doch im aktuellen Programmheft lässt der scheidende Intendant Bernd Gellermann durchblicken, dass er die Meinung des großen Symphonikers ganz und gar nicht teilt. Gellermann äußert kaum verklausulierte Kritik an der städtischen Kulturpolitik und am neuen Generalmusikdirektor. Das ist ein ungewöhnlicher, auch befremdlicher Vorgang, gilt doch ein Programmheft als quasi "offizielle" Äußerung des Orchesters: Sollten die Philharmoniker demnach vor ihrem neuen Chef warnen?

<P>"Ich glaube nicht, dass ich damit auf Dauer zurecht käme."<BR>Bernd Gellermann</P><P>Bekanntlich verlässt Gellermann im verflixten siebten Amtsjahr das Orchester. Aus Protest gegen die seiner Meinung nach überproportionalen Etat-Kürzungen und wegen drohender Kompetenz-Rangeleien mit Thielemann. Das Verhältnis zwischen Gellermann und Kulturreferentin Lydia Hartl ist seit längerem zerrüttet, vom neuen Generalmusikdirektor musste sich der Noch-Intendant überdies in der jüngsten Pressekonferenz abkanzeln lassen. Für Gellermann kommt nun der Niederländer Wouter Hoekstra, Thielemanns und Hartls erklärter Wunschkandidat.</P><P>Kurz vor seinem Weggang tritt Gellermann jetzt nach und versalzt den Wachwechsel von James Levine zu Thielemann. Vor einem "Übervaterkult" und "neuen Verkrustungen" warnt er da in einem fünfseitigen Interview und empfiehlt eine weiterhin "künstlerische Selbstverantwortung" fürs Orchester. "Ich schätze Herrn Thielemann künstlerisch über alle Maßen", so Gellermann. "Aber seine Philosophie, wie man ein Orchester führt, und seine ausschließliche Inanspruchnahme eines ganz bestimmten Repertoires und dann auch die veränderte Einflussnahme des Kulturreferats . . . Ich glaube nicht, dass ich damit auf Dauer zurecht käme."</P><P>Gellermann sieht offenbar Celibidache-artige Zustände heraufdämmern: Die Zeit der Diktatoren, "die ihr Orchester wie ein Privatinstitut behandelten", sei vorbei. Aufgabe eines öffentlich subventionierten Ensembles könne es nicht sein, "nur die Ideen eines Einzelnen umzusetzen". Und auf die Frage "Zurück zur allein selig machenden Spätromantik?", die auf Thielemanns Vorlieben anspielt, meint Gellermann: "Das würde, weil neuere Musik teuer ist, wohl auch ins Sparkonzept passen."</P><P>Der scheidende Intendant streicht in diesem Zusammenhang die Ausweitung des Repertoires, die "neuen Programmlinien" inklusive konzertanter Opernaufführungen heraus. Ebenso die Jugendarbeit und die Verpflichtung junger, viel versprechender Gastdirigenten. Dass die Philharmoniker bis 2007 mit sieben Millionen Euro weniger auskommen müssten, "geht nicht ohne Eingriffe in die Substanz", befürchtet Gellermann. Die Stadt habe "unsere Erfolge, was Akzeptanz und internationale Bedeutung anbelangt, nicht gewürdigt".</P><P>Welche Aufgaben er selbst nun anstrebt, will Gellermann nicht genau sagen. Eine feste Position werde es wohl nicht sein, eher eine "Beratungstätigkeit im Musikbusiness". Gellermanns Zorn ist verständlich, seine Argumentation oft einsichtig, sein Verdienst für die Philharmoniker unbestritten. Doch mit diesem Interview schießt er übers Ziel hinaus: Kann sein, dass sich Bruckner nicht nur auf einen neuen Chefdirigenten freut . . .</P>

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