Da wackeln die Wände

- Am Ende steht Rudolph Moshammer mit Udo Lindenberg Arm in Arm auf der Bühne. Singend. Inmitten des Panikorchesters und mindestens 20 anderen Fans, die vor Begeisterung kurzerhand zum Meister auf die Rampe springen. Udo rockt im Residenztheater, dass die ehrwürdigen Wände nur so wackeln, und das Publikum brüllt enthusiastisch mit bei "Johnny Controlletti" und "Candy Jane". Lindenberg, vermutlich der letzte deutsche Musiker, der von Anarchie nicht nur redet, sondern sie auch lebt, hat es geschafft, dieselbe wieder einmal ins Volk zu streuen.

Was war passiert? "Atlantic Affairs" nennt sich die Revue, mit der Udo Lindenberg derzeit quer über den Globus tourt. Nach Stationen in Shanghai und Peking gastierte der selbst ernannte "Panikpräsident" im Münchner Residenztheater. Seine Show ist eine geschickt arrangierte Hommage an Schriftsteller wie Ernst Toller, Bertolt Brecht oder Kurt Tucholsky und an Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Kurt Weill, die während des "Dritten Reiches" emigrierten. Auf dem Seeweg flohen sie aus Deutschland in die Vereinigten Staaten, und so spielt die knappe Binnenhandlung, mit der Udo seine einzelnen Nummern zusammengebunden hat, folgerichtig auf einem dieser Transatlantik-Dampfer. <BR><BR>Mit kongenialer Unterstützung der Geschwister Meret und Ben Becker, begleitet von seinen beiden exzellenten Duett-Partnerinnen Ellen ten Damme und Nathalie Dorra, vertont Lindenberg Gedichte, interpretiert Schlager-Klassiker wie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" oder "Irgendwo auf der Welt" neu. Das klingt mitunter ungewohnt, aber immer gut, und es musste wohl erst Nuschel-König Lindenberg mit seinem tief in die Stirn gezogenen Hut und der seltsamen Vorliebe für Frackjacken kommen, um diesen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Künstlern eine angemessene Würdigung angedeihen zu lassen. <BR><BR>Bis nach der Pause die Show "Atlantic Affairs" allmählich zu einem typischen Udo-Konzert gerinnt: mit der karikierten Lässigkeit, der heiseren Stimme, dem kreiselnd geschwungenen Mikrophon und seiner Band, die zum x-ten Male "Andrea Doria" schrammelt. <BR>

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