Wähler treten in Streik

- Für Deutschland war es ein Minusrekord: Lediglich 44,4 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt meinten vor einigen Monaten, sie sollten ihre Stimme abgeben. Was aber, wenn sich nur noch 15 Prozent in den Parteien wiederfinden? Oder gar keiner mehr? Als eine stille Übereinkunft des Volkes. Als eine Misstrauenserklärung an die Regierung, womöglich an den gesamten Staatsapparat. José Saramago entwirft im Roman "Die Stadt der Sehenden" ein solches Szenario.

Zuerst dachten die Verantwortlichen seiner fiktiven Stadt, es liege nur am Sturzbachregen, dass keiner in die Wahllokale kommt. Doch dann tauchen sie auf - und geben in erdrückender Einmütigkeit leere Zettel ab. In den übrigen Gebieten des Staats geht alles seinen normalen Urnengang, doch die Hauptstadt stellt sich quer. Eine Wahlwiederholung bringt gar ein noch schlechteres Ergebnis.

Die Regierung ist erst irritiert, dann beleidigt und besorgt, schließlich zu allem entschlossen: Diese Disziplinlosigkeit, diese "weiße Pest" muss bekämpft werden. Polizei und alle übrigen staatlichen Ordnungskräfte werden abgezogen. Das Militär riegelt die Stadt ab, macht sie zum Getto. Und dort passiert das Wunder - auch ohne die Staatsmacht funktioniert's. Keine Ausschreitungen, keine Plünderungen. Nur: Irgendeiner muss doch an der Verweigerung Schuld sein.

Natürlich ist der Titel von Saramagos "Die Stadt der Sehenden" bewusst gewählt. Der Nobelpreisträger von 1998 knüpft damit an seinen Welterfolg "Die Stadt der Blinden" an. Wieder handelt es sich um ein unerklärliches Phänomen, das über eine Gesellschaft hereinbricht. Und wieder gelingt Saramago eine politische Parabel, die auf kunstvolle, hochintelligente, nie dröge theoretisierende Weise eine ganze Reihe von Problemen aufwirft. Etwa die Frage, ob das Recht auf Wahl eine massenhafte Verweigerung einschließt. Die Schilderung, wie eine Demokratie in die Diktatur umkippen kann. Auch der Gedanke, dass die Freiheit des demokratischen Systems permanente Sprengkraft birgt. Oder, sehr amüsant zu lesen: Wie Eitelkeit das Handeln der Minister bestimmt.

Was diese als Verrat werten, entpuppt sich als stille Revolution. Anders als in der "Stadt der Blinden" kommt es nicht zum Krieg jeder gegen jeden, die Stadtbevölkerung bleibt gelassen, übt sich sogar in Nächstenliebe. Ein Naturzustand vor der Staatsbildung, mit dem Saramago an politische Theoretiker à la John Locke anknüpft. Geschildert wird das in einer Art literarischem Protokollton. Der Erzähler wendet sich manchmal direkt an den Leser, wird auch gern lakonisch. Saramagos Stil erinnert mit seinen kaum voneinander abgegrenzten, wie ein innerer Monolog dahinströmenden Sätzen an den seines Landsmannes António Lobo Antunes.

Das Auftauchen jener Gruppe aus "Die Stadt der Blinden", die einst das Chaos überstand; der Kunstgriff, dass die damals einzig Sehende von der Regierung nun für die Wahlenthaltungen verantwortlich gemacht wird - das alles ist ein wenig bemüht. Am Ende verengt sich die Geschichte auf drei Polizisten, die in die Stadt geschleust werden und nach Schuldigen suchen. Einer davon, der Vorgesetzte, hegt Sympathien für die "Aufständischen". Eine Wendung, die wie das Nachreichen einer Identifikationsfigur wirkt. Dennoch ein Buch mit einem großen, starken Thema. Ein Roman aber auch, der auf etwas durchsichtige Weise das Gericht eines früheren Welterfolgs noch einmal aufwärmt.

José Saramago: "Die Stadt der Sehenden". Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Rowohlt Verlag, Reinbek, 384 Seiten; 22,90 Euro.

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