Was wäre, wenn

- Zunächst konnte sie ihn nicht ausstehen. Doch dann entwickelte sich eine zarte, scheue Liebe - dort im Hinterhaus in Amsterdam, wo sich das Mädchen mit seiner Familie vor der braunen Verfolgung versteckte. Wie Anne Frank, die durch ihr erschütterndes Tagebuch weltweit Berühmtheit erlangte, überlebte Peter van Pels das Kriegsende nicht. Einer der "Todesmärsche" führte ihn von Auschwitz nach Mauthausen, wo er im Mai 1945, kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers, an Entkräftung starb.

Nach dem Krieg habe sich Peter "neu erfinden" wollen, wie er es wohl gegenüber Anne Frank geäußert hat. Eine Formulierung, die die New Yorker Autorin Ellen Feldman zum Anlass ihres zweiten Romans genommen hat. Sie beschreibt, wie es gewesen sein könnte. Wie Peter van Pels (im Tagebuch van Daam genannt) in Manhattan mit dem Auswandererschiff ankommt, wie er langsam Fuß fasst und so den "American Dream" - Frau, zwei Töchter, ein Sohn, Karriere, Haus in der blitzblanken Vorstadt - für sich verwirklicht.

Verdrängte Vergangenheit

Erzählt wird aber auch, wie seine Vergangenheit weiterwirkt. Sogar im Befreierland Amerika gibt es unterschwelligen bis offenen Antisemitismus. Und diese Vergangenheit, die Peter van Pels nicht nur verdrängen, sondern streichen wollte, verfolgt ihn nun. "Was mein jetziges Leben betrifft, bin ich Experte", lässt Ellen Feldman ihren Helden sinnieren. "Aber meine frühere Existenz ist ein Geheimnis." Ein so starkes, dass sich Peter als Nichtjude ausgibt - sogar gegenüber seiner jüdischen Frau.

Als Peter van Pels entdeckt, dass sie "Das Tagebuch der Anne Frank" liest, als in New York ein darauf basierendes Theaterstück läuft, brechen unbewältigte Ängste hervor, die sich fast bis zur Psychose steigern: Peter droht im Verfolgungswahn, sein jüngstes Kind David mit dem Messer umzubringen.

"Trittbrettfahrer"

Aber ist das alles erlaubt? Das "Tagebuch der Anne Frank" quasi fortschreiben mit einer fiktiven Geschichte? So gekonnt Ellen Feldman auch erzählt: Dieses ungute Gefühl wird man bei der Lektüre nicht los. Das Gefühl, hier habe sich jemand als "Trittbrettfahrer" betätigt und eine weltbekannte Person als Aushängeschild seines Romans missbraucht.

Gewiss: Die Themen, die Ellen Feldman anreißt, manchmal auch mit einem gewissen Zynismus, den sie ihren Figuren in den Mund legt, diese Themen sind von einer brennenden Wahrhaftigkeit. Die Frage nach der eigenen Identität. Die Traumatisierung durch Erlebtes. Aber auch die bemühten bis absurden Formen von Vergangenheitsbewältigung, wenn etwa eine Geschichte aus dem "Dritten Reich" dem Publikum erst schmackhaft gemacht werden muss: ein Grauen ohne Happy End, ohne "den Triumph des menschlichen Geistes" ist doch dem Konsumenten, wie Held Peter feststellt, kaum zumutbar.

Letztlich richtet sich diese Ansicht gegen Ellen Feldmans Buch. Denn für die begründeten und literarisch gut aufbereiteten Probleme, die sich um die Hauptfigur ranken, hätte die Autorin auch eine Person komplett erfinden können, dafür hätte es Peter nicht gebraucht. Aber ohne das Mäntelchen "Anne Frank, Teil zwei": Wer hätte dann von dem Roman Notiz genommen?

Ellen Feldman: "Der Junge, der Anne Frank liebte". Aus dem Amerikanischen von Mirjam Pressler. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 308 Seiten; 19,90 Euro.

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