Wäscheschrank in Gauting

- "Mit acht, neun Jahren war ich auf dem Klavier weiter als auf der Geige. Es fiel mir leichter. Und da ich von Natur aus eher ein mathematischer Typ bin, liebte ich Bach-Fugen und alles Polyphone." Dennoch gewann die Violine, und die Gautingerin Julia Fischer, gerade 23 Jahre alt geworden, hat sich als Geigerin längst ihren Platz im internationalen Musikleben erobert. Übrigens ohne Diplom. Denn obwohl die in München geborene Musikerin mit neun Jahren das Küken an der Münchner Musikhochschule war, verließ sie das Institut vorzeitig - und machte Karriere.

Dass sie jetzt für eine ganze Woche nach Gauting, wo sie immer noch zuhause ist, "weil hier mein Wäscheschrank steht", gekommen ist, hat seinen Grund: Die Stiftung der Gemeindesparkasse Gauting und die Kreissparkasse München Starnberg, seit Jahren Sponsor der jungen Musikerin, veranstalten ein kleines Fischer-Festival. Zusammen mit neun Kammermusikfreunden aus aller Welt gibt sie vier (nicht öffentliche) Konzerte - zum Jubiläum der Sparkasse. Nicht zuletzt auch als Dankeschön für die Förderer. Ob daraus eine feste Gautinger Einrichtung werden kann? Noch ist nichts entschieden.

Dass die Musik in der Erziehung eine wichtige Rolle spielt, war im Hause Fischer klar, zumal die aus der Slowakei stammende Mama Klavierlehrerin ist. 

Blutjunge Professorin

Da Julia schon als Dreijährige Musikerin werden wollte und sich an diesem oft hinterfragten Wunsch auch über die Jahre hin nichts änderte, musste sie eifrig üben: "Es begann mit einer Stunde Klavier und zwei bis drei Stunden Geige und steigerte sich bis zu fünf Stunden Geige. Bis zum 15. Lebensjahr muss schon sehr viel gelaufen sein, man kann nicht erst dann anfangen. Damit es Spaß macht, muss man als junger Musiker ja auch irgendwann über dem Instrument stehen, darf keine Probleme mit den Nerven, mit dem Repertoire und mit der Technik haben."

Julia Fischer studierte, nach erstem Violin-Unterricht bei Helge Thelen, schließlich bei Ana Chumachenco, einer Menuhin-Schülerin, an der Münchner Hochschule. "Wir haben viel, viel zusammen musiziert. Ich habe damals besonders durchs Vorspielen, nicht durch lange theoretische Erörterungen von ihr gelernt. Wenn wir uns heute treffen, sieht das anders aus. Da reden wir mehr."

Wenn Julia Fischer im Herbst als blutjunge Professorin an der Frankfurter Musikhochschule antritt, will sie es ähnlich halten: "Ich nehme an, dass die Studenten, die ja freiwillig zu mir kommen, das genau deshalb tun, weil ich mitten in der Praxis stehe und sie gerne praktischen Unterricht haben wollen."

Was Pädagogik und Didaktik angeht, baut Julia Fischer auf ihre Gene: "In unserer Familie gibt es so viele Lehrer, und ich unterrichte sehr gerne." Zwei Tage pro Monat wird sie sich ab September dem Geigen-Nachwuchs widmen. "Daneben" läuft das volle Konzert-Programm mit weltweit 70 bis 80 Auftritten pro Jahr. Ist das nicht ein bisschen viel, muss der Akku nicht in Ruhe-Phasen aufgeladen werden?

Julia Fischer lacht: "Ich bin schon froh, wenn die Konzertzahl im zweistelligen Bereich bleibt. Aber in meiner Zukunftsplanung bin ich jetzt streng und sicher sehr anstrengend für meine Agenturen, denn ich will nur noch mit Dirigenten und Orchestern musizieren, die ich wirklich schätze, mit denen die Zusammenarbeit etwas bringt. Dann kriege ich so viel Input . . ."

Als sie kürzlich bei einem der "Big Five", der fünf großen Orchester der USA, gastierte, lief es genau andersherum. "Da reicht es schon, wenn der Dirigent sich mit dem Konzertmeister nicht verträgt oder das Orchester den Dirigenten nicht mag. Wenn dann noch das Gepäck nicht ankommt - das schlaucht wirklich."

Ob bei so viel Musik überhaupt noch Zeit bleibt für Hobbys, für ein Privatleben? "Mein Hobby ist das Klavier", lacht die Geigerin, die ansonsten gerne liest, sich mit dem Computer und fremden Sprachen beschäftigt - Englisch, Französisch, Slowakisch spricht sie, Russisch lernt sie, und Italienisch versteht sie. Und einen Verlobten gibt es auch: Er ist Ingenieur und zur Zeit in Boston. "Die Telefonrechnung ist entsprechend", seufzt Julia Fischer strahlend.

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