Waffenschmied auf der Spielwiese

- Der arme, arme Lortzing ist gar so übel dran. Da hat er sich zwar vor mehr als 150 Jahren seine eigene Gattung, die Spieloper, geschaffen, doch heutzutage traut dem harmlos biedermeierlichen Geschöpf niemand mehr. Die Spielpläne beweisen es. Wenn nun trotzdem der Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters den "Waffenschmied" aufs Panier hob, dann keineswegs, um den Gegenbeweis anzutreten.

<P>Viel eher wohl, um Katharina Wagner, der 26-jährigen Urenkelin Richard Wagners und Tochter des amtierenden Bayreuth-Chefs Wolfgang, eine staatstheatralische Spielwiese zu bieten. Nach nur zwei Inszenierungen - "Holländer" in Würzburg, "Lohengrin" in Budapest - durfte sie nun in München auf Spurensuche gehen, im "Waffenschmied", der den Urgroßpapa für seine "Meistersinger" inspirierte. Letztere soll Katharina Wagner übrigens 2007 auf dem Grünen Hügel inszenieren. Wie sehr man auch am Gärtnerplatz dem Genre misstraut, bestätigte die sonntägliche Premiere. <BR><BR>In eigener Version bliesen Regisseurin und Dramaturg (wer noch?) die dreiaktige Komische Oper auf zu "Einer deutschen Geschichte in drei Teilen". So schlüpfte aus dem kleinen Waffenschmied ein großer Krupp, prägten das Schlussbild - vor schwerindustriellem Panorama und nibelungenähnlichen Pott-Malochern - eine fette Kanone und eine verrutschte Villa Hügel. Hier kettete Vater Stadinger seine Marie an, um sie unversehrt dem blaublütigen Liebenau zu übergeben. Noch schnell, bevor die Soldaten Richtung Front marschierten: Erster Weltkrieg 1914-18, und die Festgesellschaft schmettert "Heil dir im Siegerkranz". Übrigens nicht von Lortzing. Auch die vorherigen Aktschlüsse werden mit Radetzkymarsch und Wagner'schem "Freiheitsgetröte" auf Linie getrimmt: Beim ersten sieht sich Waffenschmied Stadinger als Held auf den Barrikaden der 1848er-Revolution (Wagner war dabei); beim zweiten träumt er sich mit Spielzeugkreuzer und schwarzem stummen Diener ins freiheitliche Amerika.<BR><BR>Doch das alles gibt Lortzing gar nicht her. Katharina Wagner inszeniert nicht das Stück, sondern ein wirres Gebräu an Assoziationen. Die opernübliche Geschichte mit ihren Verkleidungen und Verwechslungen geht im Revolutionsgeschrei rasch und restlos unter.<BR><BR>Fremde Musik-Aufputscher</P><P>Im ersten Bild zitiert Bühnenbildner Alexander Dodge noch kess Wolfgang Wagners Bayreuther "Meistersinger"-Szenerie, während die Regisseurin schon Aktionismus verbreitet. Der Waffenschmied schmiedet in seiner Bibliothek Revolutionspläne, sein Handwerkszeug sind Druckerpresse und Flugblätter. Sogar Marie fordert lauthals die Rechte des Bürgers ein. Reichlich überzogen, denn Stadinger hasst zwar den Adel (weil seine Frau mit einem Ritter durchbrannte), aber den Aufstand probt er nicht, bittet den Grafen noch nicht einmal zum Tänzchen . . . Kein Wunder also, dass dieser Revoluzzer sich nach und nach zum großbürgerlichen Kapitalisten auswächst und in Erinnerungen schwelgt: "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar."<BR><BR>Lortzings "Waffenschmied" taugt nicht zur Revolutionsoper, so auch nicht zum historisch-kritischen Bilderbogen. Wer ihn dazu umkrempelt und aufdonnert, verkennt vor allem eins - die Musik. Auch um sie war es am Premierenabend schlecht bestellt. Trotz einiger subtil musizierter Streicherpassagen verriet David Stahl Lortzing ans Knallige, duldete die fremden Aufputscher und war nicht immer im Einklang mit der Bühne. Von dort herab tönte es ebenfalls nicht aufsehenerregend. Nur Holger Ohlmann setzte sich als Titelheld stimmlich und darstellerisch überzeugend in Szene. Alle anderen blieben blass - da halfen auch die (ungehörigen) Mikroports nichts. Der arme, arme Lortzing . . . Lieber keiner, als ein verhunzter - das dachten sich wohl all jene im mit viel Prominenz durchsetzten Premierenpublikum, die den matten Beifall kräftig überbuhten. </P>

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