Was uns Wagner angeht

Wie paradox das doch ist. Als „schwer“ gilt er, die meisten wollen gar keine Karten für Bayreuth, doch Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag heute gefeiert wird, ist populärer als viele andere Tonschöpfer. Warum? Weil er der Komponist ist, der am besten zu uns Deutschen passt.

Die Wulffs sind ja zwangsweise für diese Aufgabe ausgefallen. Joachim Gauck und Lebensgefährtin Daniela Schadt, das passt nicht so recht, noch weniger das Duo Angela Merkel/ Joachim Sauer. Und die Hohenzollern? Revolutionsbedingt vor geraumer Zeit gescheitert. Die letzte deutsche Familie, die zum Status „Ersatz-Royals“ taugt, hat ihren Stammsitz in Oberfranken.

Die Wagners. „Unsere“ Dynastie. An der entzündet sich des Volkes Interesse – auch wenn mancher noch nie eine Note von Richard selig gehört hat. Übertrieben? Man denke nur an den Wachwechsel von Wolfgang zu Katharina und Eva an der Spitze der Bayreuther Festspiele. Die Querelen konnten vor wenigen Jahren leicht mit ähnlichen Ereignissen bei den Windsors konkurrieren. Herrscherhaus, das aber wäre dann doch zu hoch gegriffen. Eine perfekte Identifikationsfamilie ist diese merkwürdige Sippe, die einerseits im Ruhme glänzt, andererseits mit ihren Macken in grauen (oder braunen?) Niederungen des Alltags wurzelt. Ausgelöst hat das alles ein Komponist, der wie kein anderer nicht nur eine Kehr- und Schokoladenseite offenbart, sondern mit beiden sogar offensiv spielt. Kein anderer Tonschöpfer zwingt derart zu einer Haltung. Entweder Verehrung oder vorurteilsbehaftete Ablehnung (hinter der sich ja gern Sympathie für einen „Teufelskerl“ verbirgt), das provoziert Wagner.

Zum einen gibt er sich als Bauch-Komponist, als einer, der auf den Instinkthörer zielt. Ein Verführer, in dessen Werkstatt Elixiere des Rausches entstehen – was auf der Folgeseite Dirigent Christian Thielemann freimütig einräumt. Und da ist noch der Thesenschleuderer, der selbsterklärte Universalgelehrte, der Weltbilderschaffer, dessen auch furchtbare Gedanken in der unerträglichen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ gipfeln.

Vieles fließt bei Wagner zusammen. Vieles, das das Denken der Deutschen speist und das hier gegossen ist in 13 opulente Bühnenwerke. Was macht ihn also aus? Da ist zum Beispiel ein spezielles Brüderlichkeitsideal, ein Credo des Mitlebens und -leidens, das wiederum zurückgeht auf Urchristliches. Eng verknüpft ist das mit einer Vorliebe für Mythen und Sagen, für Märchenhaftes und Archaisches, für Geschichten, die Ideal- und Urbilder liefern zur Welterklärung. Aber da gibt es noch diesen Hang zum Anarchismus, zum Antikapitalismus. Diesen Hass auf die Geldbesitzer, auf das Establishment, auf die Monarchen, auf „die da oben“, ja auf das gesamte, zu überwindende „System“. Das ist der Humus, aus dem heute Protestparteien sprießen.

Ein Radikalismus durchzieht Wagners Werke, der letztlich systemfern ist. Und der viel zu tun hat mit manchmal kaum hinterfragten Ressentiments. Gerade deshalb tummeln sich in seinen Opern die Erlöserfiguren. Und die radikalste ist eine Frau: Brünnhilde, eben das ist so typisch Wagner, verändert im „Ring“ das alte System nicht von innen heraus – sie fackelt es einfach ab.

Wagners Werke sind demnach beides. Sie befriedigen Instinkte, bescheren wundersame Klangopulenz. Gleichzeitig sind sie hochpolitische, leicht entzündliche Kunst. Nicht umsonst findet hier das sogenannte Regietheater, dieser zutiefst deutsche Beitrag zum Opernuniversum, seine größte, fruchtbarste Spielwiese. „Als ich meinen ersten ,Tristan‘ dirigierte, stand ein Eimer neben dem Pult“, gestand einmal Dirigent Sir Simon Rattle. „Ich hatte das Gefühl, das ist das Tollste, Irrste, was ich je erlebt habe, und gleich muss ich mich übergeben.“

Wahrscheinlich kann nur ein Brite diesen Zwiespalt Wagner’scher Kunst so auf den Punkt bringen, während er sich vor dem Theoretiker ekelt: „Je mehr ich über Wagner lese, desto schwerer fällt es mir, seine Musik aufzuführen.“ Darf man also Wagner mögen? Das ist letztlich die Frage, auf die alles hinausläuft. Wagners „Pech“ ist ja: Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach, diesem kernigen Antisemiten in der Tradition Luthers, hat er seinen Rassismus zu Papier gebracht. Bach, der sich „nur“ musikalisch äußerte, gilt prompt als gottgleich – und wird auch in Israel gerne gespielt.

Ist nun die Hingabe an Wagners Opern verwerflich? Wenn seine Kunst mit Dunklem infiltrieren würde: ja. Tut sie aber nicht, ansonsten müsste der weltweite Wagner-Zirkus längst braune Heerscharen hervorgebracht haben. Eine solche Identifikation von Politik und Bühne gab es aber, lange genug, „nur“ in Deutschlands dunkelsten Jahren. Wer über ihn unbedingt den Stab brechen mag, der vergisst, was eben auch in den Musikdramen verhandelt wird: bedingungslose Liebe wie in „Tristan und Isolde“ oder bedingungsloses Mitleid wie im „Parsifal“. Und dennoch: Wagner ist nicht ideologiefrei zu haben, auch das ist echt deutsch, und dazu hat er selbst mit seiner Welterklärungs-Hybris beigetragen. Es gibt eine erstaunliche Parallele: Die Gründung der Bayreuther Festspiele hat nur funktioniert, weil man damals (neben dem Kunstgenuss) etwas Einheitsbildendes, Nationalstiftendes ersehnte. Kultur als das Gut, das Deutschland von anderen Nationen unterscheidet, dies ist eine – auch im Ausland akzeptiert – Konstante der Geschichte. Nicht nur unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, auch jetzt bietet das kleine Städtchen in Oberfranken starke Identifikationsmomente.

Bayreuth ist folglich das perfekte Festspiel für den verkniffenen Deutschen. Hier darf man, abgesehen von den Verkaufszahlen bei BMW und Mercedes, die eigene Größe feiern, ohne sich verdächtig zu machen, wobei stets etwas anderes, Unausgesprochenes, Verlorengegangenes mitschwingt. Wie praktisch – und zweischneidig. Aber das hat ja schon Nietzsche, der hassliebende Wagnerianer, auf den Punkt gebracht. „Dass man sich in Deutschland über Wagner betrügt, befremdet mich nicht“, notierte er vor 125 Jahren. „Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können: Sie sind damit dankbar, dass sie missverstehn.“

Markus Thiel

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