Dunkle Wolken über dem Wagner-Mekka: Kurz vor der Eröffnungspremiere liefern die Festspiele ihren Skandal.

Wagner-Regisseur: Nikitins Ausstieg war richtig

Bayreuth - Sein Bayreuth-Debüt hat sich Regisseur Jan Philipp Gloger anders vorgestellt: Im Merkur-Interview spricht er über die Affäre um Nikitins Nazi-Tattoos und seine „Holländer“-Regie.

Sein Bayreuth-Debüt hat sich Regisseur Jan Philipp Gloger anders vorgestellt. Wenige Tage vor der morgigen Premiere des „Fliegenden Holländers“ kam dem 30-Jährigen sein Hauptdarsteller Evgeny Nikitin abhanden. Gloger, keiner der thesenverliebten Krawallos, hat vor allem durch seine Inszenierungen am Münchner Residenztheater Aufmerksamkeit erregt. Mittlerweile ist er Leitender Regisseur in Mainz – und derzeit vollauf mit der Einarbeitung des Bayreuther Einspringers Samuel Youn beschäftigt.

Waren Sie in die Entscheidung eingebunden?

„Was heißt eigentlich ewige Treue?“ Jan Philipp Gloger

Herr Nikitin hat seine Entscheidung nach einem Gespräch mit der Festspielleitung getroffen, an dem ich nicht beteiligt war. Ich unterstütze seine Entscheidung aber. Auch wenn die Inszenierung dadurch beschädigt wird, auch wenn man mit einem Ersatz in vier Tagen nicht das erreichen kann, was man in sechs Wochen Proben erarbeitet hat – meine Bestürzung über diese Beschädigung ist groß, aber noch größer war meine Bestürzung über die Information, dass Herrn Nikitins Tätowierungen Nazi-Symbole waren und über das große schwarze Hakenkreuz-Tattoo, das ich am Freitagabend in einem wenige Jahre alten Internetvideo über seiner rechten Brust erblickte.

Hat das Verhalten von Evgeny Nikitin während der Proben zu irgendeinem Verdacht Anlass gegeben?

Gar nicht. Und die Tattoos habe ich auch nicht gesehen, da Herr Nikitin in der Inszenierung stets mit einem Hemd bekleidet war. Aber mehr als die Proben sollte jetzt die Premiere interessieren. Ich kann nur hoffen, dass die Aufmerksamkeit wieder auf die Oper gelenkt wird und dass die Geschichte, die wir mit ihr erzählen wollen, nicht überdeckt wird von den bedauernswerten Ereignissen im Vorfeld.

Ist Ihnen der Holländer sympathisch? Am Ende setzt er ja Senta gewaltig unter Druck...

Er ist nicht nur sympathisch, das stimmt. Er will sie verlassen – und er vertraut ihr nicht genug. Aber er ist eine Figur, bei der es sich lohnt, Sympathien zu investieren. Wagner hat in ihm die „Sehnsucht nach Ruhe aus den Stürmen des Lebens“ verkörpert gesehen. Sein Verdammtsein zu ewiger Bewegung, seine Suche nach Heimat passt zu unserer Zeit, in der den Menschen immer mehr Mobilität und Flexibilität abverlangt wird. Ich versuche, jede Figur zu verstehen oder sogar zu lieben, im Schauspiel wie in der Oper.

Inszeniert man in Bayreuth anders?

Es gibt hier ein Publikum mit einer immensen Kenntnis des Werks und anderer Aufführungen. Andererseits ist es wichtig, sich von solchen Dingen zu befreien, damit man sich einen persönlichen Zugriff aufs Werk nicht verbaut. Letztlich ist für mich eine Lesart entscheidend, die sich mit unserer Welt und mit meinen Erfahrungen verbindet.

Das ist erst Ihre dritte Opernregie, und dann gleich für Bayreuth. Denken Sie manchmal: „Das geht mir zu schnell“?

Klar, das waren jeweils ganz schön große Sprünge. Erst in Augsburg „Figaros Hochzeit“, dann in Dresden Händels „Alcina“ und nun Bayreuth. Aber rein ins kalte Wasser, das ist man als Regisseur irgendwann gewöhnt. Mit 25 habe ich in München meine erste professionelle Inszenierung gemacht. Und ich weiß noch genau, wie ich mich da durchsetzen musste gegen die Vermutung, da wolle einer Studententheater machen.

Muss man gegen das Etikett „Jungregisseur“ kämpfen?

Dieses Gefühl habe ich nicht. Ich bin auch froh, dass der Begriff Jungregisseur immer seltener fällt. Das ist schließlich meine 21. Inszenierung, auch wenn’s erst die dritte Oper ist. Natürlich ist es komisch, wenn man sich als 30-Jähriger auf der Probe mit einem 60-Jährigen über Alter oder Liebe unterhält und eine Meinung dazu haben soll. Gerade weil Lebenserfahrung einer der Rohstoffe meines Berufes ist. Aber man sollte sich als einer verstehen, der die richtigen Fragen stellt – und nicht immer die richtigen Antworten geben muss. Und das kann man auch mit 30.

In Ihren Arbeiten haben Sie gezeigt, dass Sie keine radikale Ästhetik brauchen. Damit nehmen Sie eine Gegenposition zu vielen Kollegen ein.

Ich möchte Theater über Figuren, Vorgänge und Einfühlung denken. Es gibt derzeit eine große Skepsis gegenüber so etwas wie Einfühlung. Aber an Einfühlung zu glauben, heißt ja nicht altmodisch oder traditionalistisch zu sein. Sicher: Eine große Aufgabe ist es, sich aus seiner Zeit heraus von Klischees und Marotten zu befreien. Gerade in der Oper. Sänger bieten oft Gesten an, die klischeehaft wirken. Aber so etwas kann man thematisieren. Wenn sich Figuren in einer opernhaften Weise aufspielen oder selbst inszenieren, etwa wenn im „Holländer“ Daland seine Arie singt. In einer sonst modernen Klanglandschaft wird da auf einmal dieser Lortzing-Ton angeschlagen.

Parallel zum Abitur haben Sie Büchners „Woyzeck“ inszeniert. Gab’s diesen Drang in den Regiestuhl also schon immer?

Total. Meine Mutter hat mal eine schöne Geschichte erzählt. Sie kam irgendwann ins Wohnzimmer, und da standen sechs Jungs und waren als Frauen und alles Mögliche verkleidet. In den wildesten Kostümen. Und einer war in Zivil und formte gerade ein lebendes Bild. Außerdem habe ich zuvor schon illustrative Choreographien zu den Songs der Ersten Allgemeinen Verunsicherung gemacht. Das war im Grundschulalter. Ich hatte immer eine unbändige Lust, das, was ich mir mit Menschen so vorstelle, in die Realität umzusetzen.

Seltsam. Die meisten, die es zur Bühne drängt, wollen auf ihr stehen...

Es gibt ja diesen schönen Spruch: Die Bühne des Regisseurs ist die Probe. Ich bin kein scheuer Mensch. Ich mag es einfach, mit großen Gruppen zu arbeiten. Und da bereitete es mir schon immer mehr Genugtuung, in der Geisterbahn nicht der Geist zu sein, sondern der, der sagt, wann welcher Geist um die Ecke kommt. Und der dann beobachtet, wie sie sich alle erschrecken. Ich bin ein Publikumsvoyeur. Ich gehe in meine Vorstellungen rein.

Das halten Sie aus? Auch bei Premieren?

Ja. Es ist ein Geschenk, wenn ich sehe, dass das, was wir produziert haben, auch ankommt. Ich will mitten drinsitzen und im besten Fall mitbekommen, wie die Leute lachen und weinen. Vielleicht sogar gleichzeitig.

Sie sagten einmal, im Schauspiel wären Sie risikolustiger. Und in der Oper?

Bei Mozarts „Figaro“ in Augsburg hatte ich das Gefühl: Wenn man allein die Geschichte einigermaßen transportiert, dann ist schon unglaublich viel erreicht. Wagner-Opern dagegen brauchen einen konzeptionelleren Zugriff. Natürlich merke ich, dass ich in der Oper sicherer werde. Trotzdem habe ich mich schon ab der ersten „Figaro“-Probe so viel sicherer gefühlt als im Schauspiel, das war merkwürdig. Irgendetwas passt da also zusammen. Ich habe das Gefühl: Ich muss Oper machen. Da gibt es eine gewisse Getriebenheit – und einen unglaublichen Spaß.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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