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Von der Bayreuther Verwandtschaft ausgebootet: Friedelind Wagner (1918-1991), Enkelin des Komponisten Richard Wagner, opponierte gegen ihren Clan.

Des Wagner-Clans rebellische Mausi

München - Sie galt als das erste Clan-Mitglied, das sich offensiv Bayreuths dunkler Geschichte stellte. Eine Biografie über Friedelind Wagner zeichnet die Komponisten-Enkelin als Widerstandskämpferin zwischen Lichtgestalt und Selbstüberschätzung.

Sogar kurz nach ihrem Tod im Jahre 1991, bei der Trauerfeier in Bayreuth, hatte Wolfgang Wagner nur vergiftetes Lob für die Schwester übrig. Als Oppositionelle charakterisierte er Friedelind in seiner Rede, bestimmt von einem Hang zum Utopischen und beseelt von einem „ewig rebellierenden Geist“. Da war es wieder, das Klischee (nicht nur) des Wagner-Clans: Friedelind, die Neinsagerin, die quasi naturbedingte Kämpferin, deren Handeln demnach von Genen bestimmt war, weniger von Überzeugungen.

Mit „Onkel Wolf“: Verena Wagner (li.), Bayreuth-Verehrer Adolf Hitler und Friedelind Wagner.

Dabei war sie die Erste, die nicht nur die braunen Machthaber durchschaute, sondern auch Konsequenzen zog. Zum Entsetzen der Wagners, an der Spitze Hitler-Freundin Winifred, emigrierte Friedelind. Zunächst nach England (wo sie prompt interniert wurde), später in die USA. Ihre Wut und ihre Verzweiflung schrieb sie sich in einem Buch von der Seele: „Nacht über Bayreuth“ erschien 1945 auf Deutsch, eine Anklage, die nicht nur die Familie erboste.

Die persönliche Freiheit in den USA ging einher mit materieller Not. Nur dank der Hilfe vieler Freunde, allen voran Arturo Toscanini, konnte Friedelind existieren und sich ein neues Leben aufbauen. Gleichzeitig war Entscheidendes verloren: Während die „Fahnenflüchtige“, nachdem sie zu Geld gekommen war, der notleidenden Familie Geschenke schickte, bereiteten die Brüder Wolfgang und Wieland die Machtübernahme in Bayreuth vor. Selbstverständlich ohne das schwarze Schaf in den USA. Und dies, obgleich Siegfried Wagners Testament eine solche Lösung nie vorsah.

Friedelind Wagner, die 1918 als drittes Kind des homosexuellen Siegfried und seiner englischen Gattin Winifred zur Welt kam, war Papas Liebling. „Mausi“ habe schon bei der Taufe die Zunge herausgestreckt, schreibt ihre Biografin Eva Rieger. Und Jahre später kapitulierte Winifred vor der Friedensstörerin. Friedelind musste ins Internat. Eine Unverstandene also? Eine ewig Ausgebootete, Benachteiligte? Die Stärke von Riegers Biografie ist, dass die Komponisten-Enkelin nicht verklärt wird. Gewiss: Der Mut, mit Bayreuth, ja mit Deutschland zu brechen, die Unbeugsamkeit, der Gerechtigkeitssinn, all das adelt Friedelind und hebt sie über viele Familienmitglieder hinaus.

Aber da gab es noch eine andere Friedelind. Auch sie war fasziniert von Hitler. Nur allmählich konnte sie sich dem Zauber von „Onkel Wolf“ entziehen, wie es Eva Rieger schildert. Die Erkenntnis, mit wem sie es hier zu tun hatte, dämmerte ihr erst später. Umso heftiger fielen die Konsequenzen aus. Wolfgang und Wieland inszenierten nach dem Krieg lieber Bayreuths „Neuanfang“ und kamen billig davon: Die „Stunde null“ der beiden Brüder, die sich in Wielands Bühnenentrümpelung spiegelte, blendete eine Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit aus.

Die Familie: Siegfried und Winifred Wagner mit den Kindern (v.li.) Wolfgang, Verena, Wieland und Friedelind.

Was in dieser Biografie ausführlich geschildert wird: Friedelind konnte schlecht mit Geld umgehen. Da gab es nicht nur viele Bittbriefe an die Freunde. Irgendwann verkaufte Friedelind auch die Juwelen Gerta von Einems, der Mutter des Komponisten Gottfried von Einem, die er ihr 1940 anvertraut hatte. Eine Affäre, in der Wolfgang Wagner helfend und finanziell eingreifen musste. Auch mit ihren Theaterprojekten verspekulierte sich die neue US-Bürgerin. Große Pläne hatte sie, eine von ihr organisierte „Tristan“-Tournee durch die USA zum Beispiel. Persönliche Buchführung wurde dabei nie von der geschäftlichen getrennt. Nicht bösartige Veruntreuung steckt dahinter, wie es Eva Rieger darstellt, sondern Sorglosigkeit, ja eine gewisse Naivität, ein Denken abseits des Realismus. Als später wieder genug auf dem Konto war, auch dank der Veräußerung des Bayreuther Familienvermögens an eine Stiftung, beschenkte Friedelind Wagner großzügig ihre Freunde. Geld? Es gab Wichtigeres.

Wie jedes Buch über ein Familienmitglied der Wagners, so ist auch dieser Band mehr. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts hallt in dieser faktensatten Biografie wider, für die Eva Rieger auf bislang unbekannte Briefe zurückgreifen konnte und für die sie viele Interviews geführt hat. Und das Beste: Keine staubtrockene Studie ist dabei herausgekommen, sondern ein spannender, farbenreich geschriebener Familienroman. Wer ihn liest, versteht viel von der (Seelen-)Not der damaligen Emigranten. Sie galten als schwarze Schafe – und das ausgerechnet in den Augen jener, die als braune Sumpfbewohner zurückgeblieben waren.

Friedelind Wagner hätte das Zeug dazu gehabt, in der Bayreuther Festspielleitung mitzumischen, da ist sich ihre Biografin sicher. Doch wer auf verlorenem Posten in den USA kämpfen musste, wer abgeschnitten war von den Umwälzungen am Grünen Hügel, der war auf die Rolle des hilflosen Beobachters beschränkt. Richard Wagners Enkelin hatte genug Ideen und Reflexionskraft für eigene Inszenierungen – allein: Ihr fehlte die Praxis. Während Wieland in Berlin von Staatsopernchef Heinz Tietjen (und von Hitler gewünscht) aufs Regiehandwerk vorbereitet wurde, während Wolfgang zum „Finanzminister“ Bayreuths herangezogen wurde, hatte die ferne Schwester keine Chance, Erfahrungen zu sammeln. Was ihr blieb, waren die hochkarätigen und zunächst geduldeten Meisterklassen in Bayreuth, zu denen sie namhafte Dozenten einlud.

Als Wieland Wagner 1966 starb, übernahm die Wolfgang-Sippe endgültig die Führung. Der Riss durch die Familie wurde tiefer – und klafft bis heute. Vor einigen Tagen wurde Eva Riegers Biografie in Bayreuth vorgestellt. Wielands Töchter Daphne, Iris und Nike waren dabei. Wer fehlte, waren Wolfgangs Kinder, die Festspielleiterinnen Katharina und Eva.

Eva Rieger:

„Friedelind Wagner“. Piper Verlag, München, 502 Seiten; 24,99 Euro.

von Markus Thiel

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