Wagner in Salzburg

- Salzburg hat die Auferstehung schon hinter sich und kümmert sich bereits um den Heiligen Geist. Zumindest lassen die Gassen überspannenden Transparente in der Altstadt daran denken, die für "Pfingsten mit Riccardo Muti" werben. Das jüngste Festival, erstmals unter dem italienischem Maestro, hat's offenbar nötig, das aktuelle Spektakel dagegen kaum: 40 Jahre nach Gründung der Osterfestspiele kehren diese an ihre Wagner'schen Wurzeln zurück.

1967 hatte Herbert von Karajan sein damaliges Privatvergnügen mit der "Walküre" begonnen, heuer startet Nach-Nachfolger Simon Rattle seinen bis 2010 projektierten "Ring des Nibelungen", aber in der korrekten Reihenfolge, mit dem "Rheingold".

Stupende Interpretation mit enormem Reichtum

In einem Dreierschritt hat sich Rattle, dieser experimentierfreudigste unter den Superstars, dem Stück genähert. Von konzertanten Aufführungen auf Originalinstrumenten (Orchestra of the Age of Enlightenment) und mit seinen Berliner Philharmonikern über den ersten Durchlauf dieser Produktion 2006 in Aix-en-Provence bis eben jetzt zur Premiere im Großen Festspielhaus. Ergebnis ist eine Deutung von enormer Komplexität und Dichte - und zugleich wohl eines der längsten "Rheingolds" überhaupt.

Was diese stupende Interpretation auszeichnet, ist ihr Reichtum, über den Rattle selbst jetzt noch zu staunen scheint. Man spürt, dass sich dieser Extremist wirklich nichts entgehen lassen will, dass jede Floskel, jeder Farbenwechsel geformt und die Musik dabei ständig befragt wird - mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen Haltung. Was Rattle ablehnt: eine Details verwabernde Flächigkeit. Der Klang der Berliner bleibt enorm wandlungsfähig und trennscharf, irgendwie diesseitig, dabei stets auf dem Sprung zur "Neuordnung". Schon das Vorspiel erhebt sich nicht aus diffusem Grummeln, jeder neu angestoßene Ton der Kontrabässe etwa ist wahrnehmbar. Den atmosphärischen Umschwüngen dieser Partitur begegnet Rattle wie ein Chamäleon. Lustspielhaft-leicht die erste Szene, brutal die zweite Verwandlungsmusik, auch das Rasen nach Alberichs zweitem Fluch, ein Orchestertriumph schließlich, der zugleich die Falschheit dieses Jubels enttarnt, die Walhall-Musik.

Rattle, und da ist er Christian Thielemann gar nicht so fern, profiliert das Einzelereignis zugunsten des größeren Zusammenhangs. Was beim "Rheingold", das ja als Konversationsstück im Sprechtempo vorandrängen müsste, indes problematisch ist. Nur logisch, dass sich solche Flexibilität auch in den Stimmen wiederfinden sollte. Mit der fatalen Folge: Wotan (Willard White) und Alberich (Dale Duesing) sind zu leicht besetzt. Nun müssen diese nicht gleich Phonprotze sein, aber ein wenig mehr vom Kampf zweier Majestäten hätte man schon gern gehört. White wirkte wie ein Göttervater, der versehentlich ins Geschehnis geraten ist, Duesing focht manchmal mit dem vokalen Florett, oft aber klang‘s eher nach Brieföffner.

Hochachtbar dagegen die frischen, lyrisch grundierten Stimmen der Kollegen, vor allem Annette Dasch (Freia), Joseph Kaiser (Froh) und Lilli Paasikivi als Gegenbild der Fricka-Zicke. Herausragend: Anna Larssons Erda, Burkhard Ulrichs diktionsgenauer, nie überreizter Mime und Iain Paterson, um dessen Fasolt sich eigentlich die Opernhäuser reißen müssten. Dass Paterson und besonders Duesings Alberich szenisch am besten abschnitten, lag an ihrem Naturtalent: Regisseur Stéphane Braunschweig braucht Sänger mit darstellerischem Potenzial, dann gelingen starke Momente. Etwa Alberichs finaler Monolog, wenn sich dieser General eines windigen Schurkenstaats zur Person von ungeahnter, tragischer Größe wandelt.

Braunschweig, der auch die praktikable Tourneebühne entwarf, siedelt das "Rheingold" im hohen Einheitsraum an. Die Naturelemente werden an Projektionen delegiert, Wolken- und Wassereinblendungen sorgen für eine reizvolle Magritte-Optik. Sehr reduziert, puristisch kühl ist diese Inszenierung, in der Robert Gambill als Loge im Diven-Fummel die Mitspieler ständig aufzuscheuchen scheint. Braunschweig schwebten wohl isolierte, auf sich selbst zurückgeworfene Figuren vor, die eben nicht nach Walhall einziehen, sondern mit dem Gesicht zur Wand stehen bleiben. Unterm Strich aber eine Leerstellen-Regie, die sich meist im Arrangement erschöpft und weit hinter Rattles Vielschichtigkeit hinterherhinkt. Da sind sich die Osterfestspiele (mit kleinen Ausnahmen) seit 40 Jahren treu: Wichtig ist das Geschehnis im Graben, die Bühne bleibt Sättigungsbeilage.

Die Besetzung

Dirigent: Simon Rattle.

Regie und Bühne: Stéphane Braunschweig.

Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck.

Darsteller: Willard White (Wotan), Detlef Roth (Donner), Joseph Kaiser (Froh), Robert Gambill (Loge), Iain Paterson (Fasolt), Alfred Reiter (Fafner), Dale Duesing (Alberich), Burkhard Ulrich (Mime), Lilli Paasikivi (Fricka), Annette Dasch (Freia), Anna Larsson (Erda), Sarah Fox (Woglinde), Victoria Simmonds (Wellgunde), Ekaterina Gubanova (Floßhilde).

Die Handlung

Alberich verflucht die Liebe und gerät so in Besitz des Rheingoldes. Daraus schmiedet er einen Ring, der maßlose Macht verleiht. Sein Gegenspieler ist Wotan, der sich, als er die Riesen Fasolt und Fafner für den Bau seiner Burg bezahlen muss, bei Alberich bedient: Er raubt das Gold, um es den Riesen zu geben ­ und nimmt sich den Ring für den Eigenbedarf. Alberich verflucht den Ring. Die Riesen verlangen auch diesen Zauberreif, auf den Wotan, von Erda ermahnt, verzichtet. Der Ring fordert sein erstes Opfer: Fafner erschlägt Fasolt.

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