Wagner und Verdi auf einer Bühne

- "Ring"-Auftakt 2006: Die Bühnenarbeiter streiken, statt in Herbert Wernickes Inszenierung aus dem Jahre 2002 läuft Richard Wagners "Rheingold" an der Bayerischen Staatsoper konzertant. Als Trostpflaster für das entgangene Bühnengeschehen kündigte Intendant Sir Peter Jonas für die Wiederaufnahme aber zumindest eine halbszenische Realisierung an. Besser als nichts.

Bei romantischer Halbbeleuchtung dirigiert Generalmusikdirektor Zubin Mehta ein ausnehmend schlankes "Rheingold". Wie Alberich Nibelheims Klüften die Schätze entringt, so legt Mehta im Orchestergraben die satirischen Untertöne der Partitur frei und setzt, unter Verzicht auf schweres Blechbläsergedröhn, auf Transparenz. Erst an einschlägiger Stelle lässt er das Orchester losdonnern - beim Einzug der Götter in Walhall.

Die Götter: glanzvoll aus dem Walhall der Musik besetzt, ebenso wie die anderen mythischen Wesen. Alan Titus ist ein stimmgewaltiger Wotan, der mit kernigem Bariton nonchalant über Wagners Dichtung hinwegsingt. Textverständnis hin oder her, Hauptsache, er singt gut. Als sein zwergenhafter Rivale Alberich kauzt sich Franz-Josef Kapellmann mit treffsicherer Intonation und modulationsfähiger Stimme durch seine Partie. Ein Nachtalbe, der im Aquarium nach dem Rheingold fischt - eines der wenigen szenischen Elemente, die sich aus Wernickes Inszenierung auf die bestreikte Bühne retten konnten. Ansonsten lässt nur noch die Dauerprojektion des Bayreuther Festspielhauses erahnen, worum es im ursprünglichen Regiekonzept einmal gehen sollte.

Star des Abends ist Philip Langridge. Mit britischem Charme (und ebensolchem Akzent) wirkt er als Loge, unter lauter Befrackten im weißen Smoking, elegant wie ein Martini trinkender Alec Guiness. Ein Charaktersänger mit ungebrochenen stimmlichen Fähigkeiten, darstellerisch ohnehin die überragende Figur einer Aufführung, die in ihrer Reduktion ein wenig hilflos wirkt.

Streikpolitische Scherze mit musikalischen Bezügen zum Schluss: Bühnenarbeiter tragen demonstrativ die Requisiten von der Bühne. Via Projektion erscheint ein Streikposten mit roter "Ver.di"-Flagge - ausgerechnet! Richard Wagner hätte sich das wohl verbeten.

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