Wagner-Hunger endlich gestillt

- Gut möglich, dass mancher ausgehungert ist. Der Festspielgast auf "Ring"-Nulldiät, angerichtet von Tankred Dorst - und dann tags drauf ausgerechnet "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Christoph Marthaler? Der ja vieles sein mag, aber auf keinen Fall ein Aktionskünstler? Trotzdem war die Opernfolge frappierend, klärte doch diese Aufführung den Unterschied zwischen Unvermögen und spannungsvoller Verweigerung.

Der Regisseur hat für die Bayreuther Wiederaufnahme Winzigkeiten verändert. Überdies schienen die Sänger noch mehr vertraut mit seinem Stil, mit seiner Art der Figurenzeichnung. Marthaler-Typen also auch beim heißesten Liebesdrama der Musikgeschichte: Vereinsamte, Isolierte, auf sich selbst Zurückgeworfene in einer geschlossenen Anstalt der Alltäglichkeit. Eine Geschichte zwischen bürgerlicher Konvention, Distanz, Verklemmung und kaum eingestandenen Gefühlen erzählt Marthaler - und zielt damit, bis auf gelegentliche Durchhänger und selbstverliebtem Manierismus, ins Herz des Stücks.

Anna Viebrocks Ausstattung verortet die Oper anfangs in einer Art Schiffssalon mit Furnierholzcharme, dem pro Akt ein Untergeschoss hinzugefügt wird. Die Handlung "sinkt" also hinab, bis sie im Keller mit Tristans vollautomatischem Siechbett endet, auf dem sich Isolde zum Liebestod das Laken über den Kopf ziehen wird. Kreisrunde Neonleuchten, entweder wandernd am "Himmel" oder später an den Wänden hängend, sorgen für poetische, humoristische Brechungen.

Am besten hat Nina Stemme dieses Konzept verinnerlicht: eine diesem Kosmos irgendwie nicht zugehörige, oft vor innerer Spannung bebende, manchmal auch kokette Isolde, die am Ende die stärksten Ovationen der bisherigen Festspiele erhielt. Die Schwedin entwickelt die Partie zwar aus einer lyrischen Grundhaltung heraus, ist aber nicht - wie heute oft üblich - die empfindsam Leidende. Mit ihrem dunkel strömenden, jetzt auch textverständlicherem Sopran gelingen ihr vielmehr Momente von triumphaler Wucht, die der Rolle etwas sehr Selbstgewisses und -bewusstes geben: Wer will die Stemme hier derzeit übertreffen?

Robert Dean Smith ist als Tristan noch immer ein ungewohnter Held. Sein heller, leicht und klug geführter Tenor trug fast automatisch, wirkte nur anfangs überreizt. Dass er ein eher zurückhaltender Charakter ist, nutzte Marthaler für die Inszenierung: Tristans Verwundung auch als Geschichte von Tristans emotionaler Entäußerung, was in einem starken dritten Akt gipfelte. Petra Lang als fast zu großstimmige Brangäne und Kwangchul Youn (Marke) blieben eine Festspielstufe darunter, Hartmut Welker (Kurwenal) war im Spiel zwar eindrucksvoll, könnte aber vokal durch Ralf Lukas (Melot) ersetzt werden.

Wechselstimmung auch im Graben: Statt detailverliebter Stückbefragung à la Thielemann lieferte Peter Schneider Kompaktes, Herzhaftes, stürmte auch mal davon, ohne gleich das gesamte Ensemble mitzunehmen. Das Vorspiel trieb zwar inhaltsarm dahin, nach vier Stunden blieb aber der Eindruck einer soliden, manchmal hochdramatischen Interpretation. Langer Applaus, der nach mehrfachem Verebben immer wieder angeheizt wurden: Wagner-Hunger endlich gestillt.

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