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Das Wetter zeigte sich am Samstagabend gnädig bei dem „Oper für alle“-Konzert auf dem Marstallplatz.

Oper für alle: Wagners „Ring“ in 70 Minuten

München - Beim Open-Air-Konzert von „Oper für alle“ begeisterten das Staatsorchester und das Jugendorchester „Attacca“ mit Wagners "Ring".

„Ein Mix aus Sonne und Wolken“ bescherte den Münchner Klassik-Fans am Samstag ein emotionales Wechselbad: Jeder Sonnenstrahl ließ hoffen – auf ein trockenes „Oper für alle“-Vergnügen mit dem Bayerischen Staatsorchester. Bei jeder finsteren Wolke bangte der noch vom Vorjahr Geschädigte, dass er heuer mit Wagner „baden“ gehen müsse. Aber wer eine gute Stunde vor Beginn des vom Münchner Merkur als Medienpartner betreuten und von BMW gesponserten Open-Air-Konzertes auf dem Marstallplatz eintraf, fand die ersten „Reihen“ schon belegt, die quadratischen Steinpoller rundherum schon besetzt und auch die Sonnenplätze mit dem Marstall als Rückenlehne längst eingenommen. Gestrenge Security-Leute wiesen die Hörwilligen auf die Plätze, wo zunächst einmal Picknick angesagt war.

Noch ganz ohne „Rheingold“-Klänge war die erste Assoziation zu Andreas Kriegenburgs Münchner Inszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ schon da: Viele junge Leute lagerten hier in Gruppen, tranken und aßen und warteten auf das tiefe Es am Grunde des Rheins. Kinder – wie die 6-jährige Annika aus Österreich und ihre Münchner Freundinnen – vertrieben sich die Wartezeit mit Kartenspiel, und die vierjährige Hündin Mona – von zuhause durchaus klassikerprobt – zitterte, weil sie Gewitterluft witterte. „Hoffentlich täuscht sie sich“, meinte das Frauli fröhlich.

Auch Staatsopernintendant Nikolaus Bachler war guten Mutes und wünschte einen „lauen Abend“. Mit Erfolg, denn weder der mitgebrachte Anorak, noch die Wolldecken kamen zum Einsatz. Und der Blick aufs Auto-Thermometer bescheinigte noch um 22 Uhr 20 Grad. Kein Wunder, dass der Marstallplatz sich gefüllt hatte und die Stimmung bestens und hoch konzentriert war.

Zunächst überraschten die Musiker des „Attacca“-Jugendorchesters – heuer in „erwachsenem“ Schwarz und nicht in bunten Shirts – die Zuhörer mit Friedrich Smetanas „Moldau“. Der Himmel war zwar grau, aber unter der Leitung ihres Dirigenten Allan Bergius gelang den jungen Musikanten eine farbige Darstellung des geschichtsträchtigen Stromes. Vom sanften Plätschern an der Quelle, übers bunte Treiben an seinen Ufern bis hin zum breiten Fließen und dem majestätischen Strömen unterm Hügel des Prager Hradschin. Der Nachwuchs war mit großem Eifer bei der Sache und versüßte den Zuhörern die Gewöhnung an die (vom Wagner-Fortissimo dann überforderte) Übertragungsanlage.

Auch Kent Nagano lauschte und applaudierte den „Attacca“-Kollegen begeistert: „Wir müssen an die Zukunft denken. Deshalb engagiert sich das Staatsorchester auch in der Nachwuchsförderung“, beteuerte der Generalmusikdirektor, der mit dem Publikum am liebsten „die gesamten 17 Stunden ‚Ring‘-Musik“ geteilt hätte. Zum Glück gelang es den wagnergestählten Musikern des Staatsorchesters und ihrem Dirigenten auch, in nur 70 Minuten viel zu erzählen. Henk de Vliegers Arrangement bündelt alle wichtigen Leitmotive, alle relevanten Ereignisse und lässt den „Ring“ – mit gekonnten Überlagerungen an den Schnittstellen – wie im Zeitraffer vorüberziehen. Vor dem geistigen Auge des Zuhörers passierten Szenen aus allen miterlebten „Ring“-Inszenierungen Revue – ein Best-of-herrlich.

Rechtzeitig zum Feuerzauber glänzte der Marstall-First in der Abendsonne. Später raunte mein französischer Nachbar: „Fafner!“ und zeigte auf den wagemutigen Fotografen, der bei der Tötung des Drachens auf dem Operndach erschien. Überdies berichtete der Wagnerianer, dass am Abend zuvor im Nationaltheater ein Stück von Wotans Speer ins Orchester geflogen sei – einem Kontrabassisten an die Schulter. Solche „Unfälle“ waren unter freiem Himmel gottlob ausgeschlossen. Der einhellige Schlussjubel steigerte sich noch, als Nagano die von Staatsorchester und „Attacca“-Musikern gemeinsam gespielte Zugabe ankündigte: „Herr der Ringe“…

Gabriele Luster

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