An Wagners voll gedecktem Tisch

- Im Gegensatz zu anderen Regisseuren, die nach Bayreuth geholt werden und die sich brüsten, nie Oper inszeniert zu haben, ist Claus Guth fast ein "alter Hase". Am Münchner Gärtnerplatz feierte er Erfolge mit Lortzings "Wildschütz", Egks "Revisor" und Terterjans "Das Beben", für die Musiktheater-Biennale brachte er Chaya Czernowins "Pnima" heraus. Guth stammt aus Frankfurt am Main und studierte in München. Mit dem "Fliegenden Holländer" debütiert der 39-Jährige in Bayreuth.

<P>Wie sah Ihr erstes Bayreuth-Erlebnis aus?<BR>Guth: Ich war etwa 13, mit meinen Eltern hier und unglaublich beeindruckt vom Beginn der Aufführung. Von der Dunkelheit und wie aus ihr dieser wahnsinnige Klang kam. Später, während des Studiums, schwankte ich noch zwischen Film und Musiktheater. Ich jobbte bei einer Filmgesellschaft als Kamera-Assistent. Und mein erstes Projekt war in Bayreuth die Aufzeichnung des "Holländers" von Harry Kupfer. Diese Aura, diese vitale Arbeitsweise fernab vom Phlegma anderer Theater haben mich infiziert.</P><P>Im Grunde hat diese Oper den falschen Titel. Könnte sie nicht "Senta und das Phantom" heißen?<BR>Guth: Es gibt eine Verlockung, das Stück von Senta her aufzuschlüsseln. Ich schildere das eher aus mehreren Perspektiven, aus der Sicht von Senta, Daland und Erik. Das Stück hat viel mit Idealisierungen und Typisierungen des jeweils anderen Geschlechts zu tun. Die Figurenkonstellation ist festgefahren. Und wie diese Energie-Stauung ein Ventil findet, interessiert mich.</P><P>Ist Wagner leichter als andere Komponisten zu inszenieren? Weil seine Werke so viele Deutungen ermöglichen, auch weil die Musik einen stark gestischen Charakter hat?<BR>Guth: Ich habe den "Holländer" schon einmal an deutlich kleinerem Ort gemacht. Das war relativ misslungen, weil ich noch nicht das Handwerk fürs Wagner-spezifische Zeitmaß besaß. Der "Holländer" ist durch seine Motiv-Reichhaltigkeit wie ein voll gedeckter Tisch, an dem man sich bedienen kann. Andererseits ist er auch ein fast experimenteller Balance-Akt zwischen konventioneller Oper und Musikdrama.</P><P>Und welche Komponisten bieten einen nicht mal halb gedeckten Tisch? Welche würden Sie nie inszenieren?<BR>Guth: Ich bin nicht jemand, der jede freie Minute in die Oper rennt. Deswegen will ich keine voreiligen Urteile fällen. Ich habe schon einige Male Stücke inszeniert, die an mich herangetragen wurden und bei denen ich zunächst den Kopf geschüttelt habe. Der "Wildschütz" am Gärtnerplatz etwa, an dem ich dann eine Riesenfreude hatte.</P><P>Gehören Sie zu den Regisseuren, die mit einem voll gekritzelten Klavierauszug proben, in der jede Geste vermerkt ist?<BR>Guth: Ich bereite mich detailliert vor und weiß anfangs jede Bewegung. Aber es gibt in den letzten Jahren den Prozess, dass sich viel von diesem Geplanten woanders hin entwickelt. Darüber bin ich ganz froh. Dann wird's ja erst interessant, wenn man mit der Persönlichkeit des Darstellers arbeitet.</P><P>Sie scheinen in Ihrer Stück-Wahl etwas sprunghaft: Uraufführungen, dann wieder klassisches Repertoire . . .<BR>Guth: Chaos mit Konzept. Nein, im Ernst: Es drohte mir, dass ich durch meine Arbeit für die Münchener Biennale in die Uraufführungs-Schublade gesteckt werde. Darauf hatte ich keine Lust. Inzwischen versuche ich, mich selbst zu provozieren, Stücke auszuwählen, auf die ich immer anders reagieren muss. Damit kein Stil entsteht, der zur Masche wird.</P><P>Sie inszenieren mittlerweile an großen Häusern: Haben Sie nicht Angst davor, einmal in eine Art Mühle hineinzugeraten?<BR>Guth: Ich will mir einen Blick für die Oper bewahren, so wie ich ihn am Beginn meines Berufswegs hatte. Einen Blick, der geprägt ist von völliger Faszination, auch von einer Skepsis dem Genre und seinen Konventionen gegenüber. Mein Ehrgeiz ist, dass ich auch Leute aus meiner Generation und darunter begeistere. Sonst wird Oper eine seltsame Inzucht, wo alles um sich selbst kreist. Es sollte wie ein kleiner Überfall aufs Publikum sein.</P><P>Und wie sieht der in Bayreuth aus?<BR>Guth: Mich interessiert bei dieser "romantischen Oper" der Begriff Romantik. Ich habe mich mit dem Umfeld Wagners beschäftigt, viel Edgar Allan Poe und E.T.A Hoffmann gelesen. Hier tauchen Dinge auf, die später bei Freud als Phänomene beschrieben werden: der Schatten, der Spiegel, der Doppelgänger, verbotene Räume. Eine Expedition ins Innenreich. Als neulich in einer Zeitung stand, dass ich mich aufs Romantische konzentriere, wurde ich von Leuten angesprochen, die sich jetzt auf eine schöne romantische Regie freuen. Für die gibt es sicher eine Art Schocktherapie.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P><P> </P>

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