Wagner-Verband favorisiert Katharina Wagner

Bayreuth - Der Präsident der internationalen Richard- Wagner-Verbände, Josef Lienhart (Freiburg), hat sich für Katharina Wagner als künftige Festspielchefin in Bayreuth ausgesprochen.

"Sie hat die Nervenkraft, die man dafür braucht", sagte Lienhart in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Mit ihrem Regiedebüt auf dem "Grünen Hügel" sei die 29-Jährige der Festspielleitung bereits nähergekommen. "Das ist ein positiver Schritt auf diesem Weg", sagte Lienhart.

Da Katharinas Vater, Festspielchef Wolfgang Wagner (87), einen Rücktritt bislang ausschließe, sei die Nachfolgefrage derzeit zwar nicht aktuell. Sollte sie jedoch anstehen, so könnte der Stiftungsrat der Festspiele zunächst zur Probe einen Vertrag über einige Jahre mit Katharina Wagner machen, schlug Lienhart vor. "Dann sieht man, ob es gut geht." In der Jugend Katharina Wagners sieht der Verbandsvorsitzende, der die Richard-Wagner-Festspiele seit Jahrzehnten verfolgt, kein Hindernis: "Die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner waren auch erst Anfang 30, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Festspiele wieder aufbauten."

Allerdings sei künftig vermutlich eine Doppelspitze nötig, wie es sie auch an vielen anderen Theatern gebe. "Sie kann es nicht alleine machen." Die Lebensleistung von Wolfgang Wagner, der seit mehr als einem halben Jahrhundert an der Spitze der Festspiele steht, werde einmalig bleiben. Lienhart plädierte jedoch dafür, die Festspielleitung auch künftig bei der Familie Wagner zu belassen. "Wenn Begabungen da sind, sollte man diese Besonderheit von Bayreuth bewahren."

Katharina Wagner hatte in dieser Saison mit einer vieldiskutierten Inszenierung der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" ihr Regiedebüt in Bayreuth gegeben. "Ich beurteile ihre Arbeit positiv", sagte Lienhart. Katharina Wagner mache explizit politisches Theater. "Das muss nicht jedem gefallen, aber es ist ein berechtigter Ansatz und in sich stimmig." Wer immer die Festspiele künftig leiten wird, müsse die Balance zwischen modernen und konventionellen Inszenierungen halten. "Dieser Pluralismus ist in Bayreuth noch wichtiger als an anderen Bühnen, da man dort immer dieselben Werke spielt." Bei einer Erweiterung des Repertoires müsste man "mit äußerster Vorsicht" zu Werke gehen, mahnte Lienhart: "Es besteht die Gefahr, dass der Ausnahmecharakter Bayreuths Schiffbruch erleidet."

Der Richard-Wagner-Verband International (RWVI) vereinigt weltweit etwa 140 regionale Verbände mit insgesamt etwa 37 000 Mitgliedern, davon 10 000 in Deutschland. Seine Ziele sind die Verbreitung des Verständnisses der Werke Richard Wagners sowie die Förderung der künstlerischen Nachwuchses im Sinne Wagners.

Gespräch: Stephan Maurer, dpa

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