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Marcus Tullius Cicero (römische Büste) wurde von seinem Bruder Quintus bei der Konsulatswahl unterstützt.

Eine Polit-literarische Wiederentdeckung

Wahlkampf-Tipps aus dem alten Rom

München - Vor mehr als 2000 Jahren hat Quintus Tullius einen Wahlkampfratgeber für seinen berühmten Bruder Marcus Tullius Cicero verfasst. Taugt er als Leitfaden für die Politik von heute?

„Gebrochene Versprechen“, schreibt der Autor, „verlieren sich häufig in einer Wolke veränderter Umstände“. Der Satz könnte in einem Strategiepapier für die Zeit nach der Bundestagswahl stehen, entstanden in einer modernen Wahlkampfzentrale, der Erguss eines Parteistrategen. Doch die pragmatischen Zeilen sind mehr als 2000 Jahre alt. Sie sollen von Quintus Tullius Cicero stammen, aufgeschrieben im Jahr 64 vor Christus.

Quintus Tullius war der jüngere Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. - 43. v. Chr.), der als brillanter Redner galt. Als der Ältere sich um das Konsulat, das höchste Amt der Römischen Republik, bewarb, schrieb ihm der Jüngere einen Brief: einen Wahlkampf-Ratgeber, den „Commentariolum petitionis“. Philip Freeman, ein US-amerikanischer Philologe, hat das Werk von Quintus nun ausgegraben, modernisiert und als 63-seitiges Büchlein „Wie man eine Wahl gewinnt“ herausgegeben. Taugt es als Ratgeber für die heutige Politik?

Cicero, der Konsul-Kandidat, hatte eine beachtliche Ochsentour hingelegt und war in seinen bisherigen Ämtern geschätzt worden. Ein bisschen wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Jetzt aber, als er nach ganz oben strebte, fehlte dem Sohn eines Geschäftsmanns der aristokratische Stallgeruch. Cicero galt als Außenseiter. Eine Rolle , die im Wahljahr 2013 unfreiwillig Steinbrück eingenommen hat – nicht wegen seiner Abstammung, wohl aber wegen der miesen Umfragen. Was würde der römische Stratege zu Steinbrück sagen? Wohl das, was er schon seinem Bruder geschrieben hat. „Nach den Wirren der letzten Jahre wollen es viele Wähler nicht riskieren, einen Außenseiter ins Amt zu hieven.“ Eine Diagnose, die sich auf die schleppende Steinbrück-Kampagne übertragen lässt. Hießen die Wirren vor 2077 Jahren Machtmissbrauch und Bestechung, heißen sie heute Euro-Krise und Inflationsangst. Keine Experimente! Manche Dinge ändern sich nie.

Ist die Wahl deshalb schon gelaufen? Nein, würde Cicero sagen. Nur: Der Kandidat dürfe sich „keine Fehler erlauben. Du musst mit der größten Besonnenheit, Anstrengung und Sorgfalt einen makellosen Wahlkampf führen“. Dieser Tipp dürfte für Steinbrück ein wenig spät kommen. Wäre Quintus sein Berater, gäbe er aber wohl noch nicht auf.

Er würde das tun, was Steinbrück auch zu tun versucht: die Unentschlossenen und Wechselwähler umwerben. „Ich versichere dir“, schreibt der jüngere dem älteren Cicero, „dass es niemanden gibt – außer vielleicht glühende Anhänger deiner Gegner –, den du nicht mit harter Arbeit und passenden Gefälligkeiten auf deine Seite ziehen kannst“. Wie das geht, darüber zermartern sich hunderte von Parteistrategen die Köpfe – Wahlkampf für Wahlkampf. Der Kandidat müsse einfach jedem schmeicheln, so die simple Quintus-Ansage: „Versichere dem Senat, dass du seine angestammte Macht und seine traditionellen Privilegien bewahren wirst. Lass die Geschäftsleute und wohlhabenden Bürger wissen, dass du für Stabilität und Frieden stehst. Beteuere den einfachen Leuten gegenüber, dass du sowohl in deinen Ansprachen wie bei der Verteidigung ihrer Interessen vor Gericht stets auf ihrer Seite standest“, schreibt der antike Stratege. Ein Chamäleon müsse der Kandidat sein: Sag’ den Konservativen, wie wichtig dir Werte sind, sag’ den Liberalen, du seist freiheitsliebend und sag’ den Linken, dass nichts wichtiger ist als soziale Gerechtigkeit – so ließe sich Quintus Ciceros Pragmatismus in unsere Zeit übersetzen. Ob Horst Seehofer diesen Cicero gelesen hat?

Das Anbiedern klappt heute jedoch nicht immer. Bundespräsident Joachim Gauck perfektionierte jene Gedanken – wohl unbewusst –, als er sich bei seiner ersten Kandidatur 2010 mit dem Satz „Ich bin ein linker, liberaler Konservativer“ zitieren ließ. Da war für jeden etwas dabei, gewählt wurde Gauck zunächst trotzdem nicht.

Quintus Cicero hätte – natürlich – gewusst, warum: Nur gefällig zu sein reicht eben doch nicht. Es braucht auch ein Mindestmaß an Hinterfotzigkeit. Man könnte den römischen Pragmatiker als Vater der Schmutzkampagnen bezeichnen: „Es wäre auch nicht verkehrt, das Publikum daran zu erinnern, was für Halunken deine Gegner sind, und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Verbrechen, Sexskandale und Korruption anzukreiden, in die diese Männer verstrickt sind“, schreibt er.

Ein Aufruf zur Schlammschlacht, zum „negative campaigning“, wie es auf Neudeutsch heißt – in US-amerikanischen Wahlkämpfen ist das Standard, aber auch hier versuchen es die Parteien immer wieder, ganz ohne die Lektüre von Quintus. Allein: Es geht oft nach hinten los. So stellte die CSU vor zwei Jahren ein Video ins Internet, das die Grünen als Partei der Steinewerfer brandmarken sollte. Da war ein Zeichentrickmännchen mit einer Steinschleuder zu sehen, „ein Männlein steht im Walde, ganz grün und dumm“, sang dazu eine Männerstimme. In der Bevölkerung sorgte das für Spott – über die CSU. Das spricht gegen Quintus Cicero.

Bleibt ein letzter Ratschlag, der vielen Wählern bekannt sein dürfte: Versprich allen alles, egal, ob du es halten kannst! „Die Leute lassen sich lieber eine nette Lüge auftischen als mit einer Ablehnung abspeisen“, schreibt der Römer. Hätte er heute etwas zu sagen, hätte er SPD und Grünen davon abgeraten, mit Steuererhöhungen zu drohen. Nach dieser Logik freilich müsste die stets Steuersenkungen versprechende FDP bestens dastehen.

Quintus ist das nachzusehen. „Natürlich“, schreibt er seinem Bruder, „würde ich nie behaupten, dass diese Leitlinien für jeden gelten, der sich um ein politisches Amt bewirbt – sie sind nur für dich bestimmt“. Marcus Cicero befolgte Quintus’ Vorschläge – und wurde Konsul.

Quintus Tullius Cicero: „Wie man eine Wahl gewinnt – Der antike Ratgeber für Politiker“. Philip Freeman (Hg.), Haffmans & Tolkemitt Verlage, Berlin, 63 Seiten; 4,95 Euro.

Simon Pfanzelt

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