Wahn, Witz und Wirklichkeit

- "Tatsächlich hat mich das Lachen gerettet. Nachdem ich alle Grade von Hass und Verzweiflung durchlebt hatte, erreichte ich jene Höhen, aus denen man das Lächerliche in der Vogelperspektive daliegen sieht. Ein Ausbruch herzlicher Fröhlichkeit kurierte mich."

<P>So ging es dem russischen Schriftsteller Vladimir Nabokov (1899-1977), als er, vor den Nazis aus Deutschland geflohen, 1938 im französischen Exil sein Stück "Walzers Erfindung" schrieb. In der aktuellen Aufführung, die jetzt Regisseur Carsten Dane fürs Bayerische Staatsschauspiel im Münchner Marstall herausgebracht hat, ist Rettung nicht in Sicht. Hier hat niemand was zu lachen.<BR><BR>Dieses Stück blieb bislang so gut wie ungespielt. Nicht ganz zu Unrecht. Eine grandiose, hellsichtige Farce auf die Diktaturen der Welt - das ist "Walzers Erfindung" nur bedingt. Das dem absurden Theater, etwa einem "König Ubu" geschuldete Stück verspricht zunächst mehr, als es hält. Was bei der Lektüre am Anfang so herrlich verrückt und ja auch erstaunlich aktuell erscheint - dieser träge Hampelmann-Staat mit seinen verblödeten Beamten und Militärs, herausgefordert durch den vermeintlichen Weltverbesserer und Weltvernichter Walzer -, das versinkt á´ la longue in Geschwätzigkeit. Vielleicht wäre es ja an der Zeit, die Absurden, einen Ionesco oder Audiberti, erneut für die Bühne zu entdecken. Sie sind allemal besser als dieser untaugliche dramatische Versuch des großen Epikers.<BR><BR>Aber welcher dieser Autoren auch immer: Dieses Genre - die Farce, die Groteske - stellt vermutlich für jeden jungen Regisseur eine kaum zu bewältigende Hürde dar. Woher die Leichtigkeit nehmen, wenn sie sich alle selbst schon für ein Schwergewicht halten?<BR><BR>Zwar gut und zum Glück auch rigoros gekürzt, überfrachtet Karsten Dane das Stück in jeder Weise. Die Bühne: eine zur Spielothek für alte Politiker verkommene Schalt- und Videozentrale, die längst nicht mehr funktioniert. Darin agieren in zum Teil ordenbestückten Uniformen die Mumien des einst sowjetischen Establishments. Dane spart auch nicht an Regie-Einfällen, nicht an Musikeinsätzen. Er bietet Gags en masse. Doch ohne Irr-Witz. Ohne die Doppelbödigkeit von Realität, Fiktion und Wahn.<BR><BR>Respekt dem Spiel der Darsteller. Eine Ahnung des Absurden vermitteln Helmut Stange als Kriegsminister sowie im 30er-Jahre Knickerbocker-Schick Thomas Loibl als Walzer. 75 Minuten trotzen die Schauspieler dem Misslingen. Der Intendant sollte sollte sie dem nicht weiter aussetzen.<BR></P><P> </P>

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