Wahnwitz in Kriegszeiten

- "Amor schießt Pfeile, manchmal stellt er Fallen." In William Shakespeares Komödie "Viel Lärm um nichts", die am Samstagabend am Münchner Volkstheater Premiere hatte, tut der Liebesgott beides reichlich. Regisseurin Jorinde Dröse, die uns schon ein bezauberndes "Was ihr wollt" bescherte, lässt ihn jetzt sein Unwesen in einer armen Gegend treiben.

Pelzmützen und Männerschmuck sind die einzigen verbliebenen Statussymbole (Kostüme: Britta Leonhart). Denn auch die Behausung - gerade noch zu erkennen: "Palazzo Municipale" - ist nur Ruine (Bühne: Julia Scholz). Der Krieg, aus dem Don Pedro und seine Gefolgsleute zurückkehren, hat, anders als bei Shakespeare, dieses Messina nicht verschont. Gleich zu Beginn werden die Namen der Toten verlesen, Pedros Halbbruder John wird als Gefangener hereingeführt und gedemütigt. Und beim Maskenball tauchen Horrorfratzen auf - janusköpfig böse-gut ist jeder Mensch.

Die Inszenierung ließ sich wohl vom Balkankrieg inspirieren, und das Team agiert, als hätte es sich eine Überdosis Kusturica-Filme 'reingezogen: skurril bis zum Wahnwitz, hyperaktiv-lebenslustig oder clownesk-melancholisch. Dröse nimmt einfach den Stücktitel ernst: "Viel Lärm um nichts". Lärm gibt's wirklich allerhand - diese Welt läuft nun mal hochtourig. Deswegen wird gejuchzt und geschrieen; Begrüßungs-Kuss-Rituale und HipHop-Gestik werden exzessiv exekutiert; und wenn man sich verliebt hat, fährt das Glück in alle Glieder, die es schier zerreißt. Ein fröhliches, fast naives Gemälde, das nur en passant existenzielle Abgründe andeutet.

Widerstand gegen die Spiellust ist zwecklos

Dass man auch die mit überschäumender Lebensenergie überwinden kann, beweist schräg tönend das Trio Christian Ludwig Mayer (Musik), Georg Karger und Ulrich Wangenheim. Sie verzaubern mit hinreißenden Anarcho-Klängen, die die unbändige Vitalität dieser dörflichen Welt perfekt verkörpern und ganz viel zum Erfolg der Inszenierung beitragen. Rationaler Widerstand gegen all die Spiellust ist zwecklos. Die findet sich nämlich auch bei dem Ensemble aus dem Hause Christian Stückl. Diese Leidenschaft und Dröses Können fangen so manche schauspielerische Schwäche auf. Einen fein ziselierten Shakespeare trifft man demnach nicht im Volkstheater, aber einen, bei dem man seine Gaudi hat.

Das Hirnschmalz wird dann strapaziert, wenn Sophie Wendt und Tobias von Dieken als Beatrice und Benedick ihre Wort-Florette auspacken. Da wirbeln die Bonmots des alten Briten, dass man gar nicht mehr mitkommt; und die beiden "Fechter" werden nach dem Premieren-Stress sicher noch geschmeidiger; auch von Diekens Adrenalin-Überschuss wird sich abbauen.

Mit genauerer Balance setzt Leopold Hornung seine Komik als verliebter Claudio ein - täppischer Anbandler und aufrechter Kerl. Dem in Elisabeth Müller eine herzerfrischende Hero gegenübersteht. Mit ein paar Watschen am Schluss für Verlobten und Vater, die ihr so schändlich misstraut haben, zieht sie einen energischen Schlussstrich. Das Leben muss weitergehen in dieser kriegszerfetzten Zeit, Psycho-Mätzchen schließt die nicht mit ein.

Bei solchen Leerstellen hat Benjamin Mährlein (Bösewicht Don John) seine Probleme und bleibt blass; etwas profilierter Stephanie Schadeweg als Bösewicht zwei/ Borachio. Schwer hat es auch Markus Brandl mit seinem Konstabler, der komischsten Rolle des Stücks: Da alle Figuren bei Dröse Beinahe-Karikaturen sind, sticht er kaum heraus. Hier lahmt die Inszenierung ganz schön, der auch zu Ursula Burkharts Margaret nicht viel einfällt. Nicholas Reinkes Don Pedro darf wenigstens den Goldkettchen-Macho geben.

Dafür verschafft die junge Regisseurin den beiden Alten, Dirk Bender als Heros Papa Leonato und Thomas Kylau (gleichzeitig Onkel und Pater Antonio), einen Super-Auftritt. Ein valentineskes Paar, das fauststark den Jugendwahn niederstreckt und locker aus dem selbst gezimmerten Sarg springt.

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