So wahr ich ein ehrlicher Kerl bin

- "Die Welt ist ein wunderschönes Buch, doch von geringem Nutzen für den, der nicht lesen kann." Und zu seiner Zeit konnten es viele nicht. Auch heute mag man manchen diese Fähigkeit absprechen, wenn man sieht, was sie aus Stücken machen (oder gerade nicht machen) oder wie sie Beispiele großer Literatur schlichtweg ignorieren. Das Werk Carlo Goldonis (1707-1793) ist heute davon ziemlich betroffen.

Es gehört zur Tragik dieses genialen Komödiendichters, dass er vor allem mit einem Stück in Verbindung gebracht wird, dem "Diener zweier Herren". Und dass dieser "Diener" ausgerechnet noch für jenes Theater steht, nämlich die Commedia dell‘arte, als deren Überwinder Goldoni in die Geschichte eingegangen ist.

"Die Komödie ist erfunden worden, um Fehler zu

verbessern und schlechte Sitten lächerlich zu machen."

Carlo Goldoni

Weg von den Maskenspielen Carlo Gozzis und des Abbate Chiari, hin zur Charakterkomödie à la Molière. Doch ein perfekt inszenierter "Diener zweier Herren" ­ als die große Kunst des frei improvisierten Spiels oder auch als die Nahtstelle des Umbruchs ­ verspricht nach wie vor allerhöchstes Vergnügen. Weltberühmt wurden Giorgio Strehlers legendäre Produktionen dieses Lustspiels, das er am Mailänder Piccolo Teatro zwischen 1947 und 1990 sieben Mal inszenierte.

Theater- und literaturhistorisch steht der Name Goldoni für eine Revolution im italienischen Theater. Im 18. Jahrhundert setzte der venezianische Arztsohn und Advokat den Possenreißereien und Fantastereien der beliebten Commedia dell‘arte neue Charakterspiele entgegen, die vom wahren Leben erzählten. "Die Komödie ist erfunden worden, um Fehler zu verbessern und schlechte Sitten lächerlich zu machen", erläuterte er einmal sein Credo. Venedig hat Goldoni ­ einem der berühmtesten Söhne der Stadt ­ in diesem Jahr sogar den Karneval gewidmet. Schließlich jährt sich sein Geburtstag am kommenden Sonntag (25. 2.) zum 300. Mal.

Als Rechtsanwalt war Goldoni stets dran am Leben der so genannten kleinen Leute. Ein Grund, weshalb seine berühmtesten Stücke bis heute "funktionieren". Doch werden sie, zumindest in München, nicht gespielt. Wie ist es, wenn man als einfacher Mann auf einmal zwei Herren dient, fragt sich Arlecchino in der Verwechslungskomödie "Diener zweier Herren". Und er findet die Antwort: "Wenn ich beiden aufwarte, so werd‘ ich auch doppelt bezahlt und bekomme doppelt zu essen. ­ Und wenn‘s herauskommt ­ was verliere ich? Nichts. Wenn mich einer fortjagt, so bleibe ich bei dem anderen. So wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, ich will‘s versuchen. Und sollte es auch nur einen Tag dauern."

Goldoni, der nach einer Liebesaffäre vor einer unerwünschten Hochzeit floh, schloss sich 1733 zunächst einer Commedia dell‘arte-Truppe an. Er versuchte sich als Schauspieler, Dramatiker und Librettist und arbeitete ab 1748 fest mit einer Theatergruppe zusammen. Jetzt entstanden die bekannten Stücke, neben dem "Diener", "Das Kaffeehaus", "Der Lügner", "Krach in Chioggia", "Mirandolina". 1761 ging Goldoni, vertrieben von den Traditionalisten der Commedia dell‘arte, nach Paris. Dort blieb er bis zu seinem Tod, schrieb, wurde Sprachlehrer der Prinzessinnen und war Vorleser am Hof. Durch die Französische Revolution verlor er seine Pension. Und der Verfasser von etwa 200 Stücken starb in Paris als armer Mann.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare