Der wahre Märchen-König

- "Hans Christian Andersen starb, ehe ich geboren wurde, doch habe ich das Gefühl, ihn so gut zu kennen, als sei er ein Freund von mir gewesen", schrieb die dänische Schriftstellerin Tania Blixen ("Jenseits von Afrika") im Jahre 1962. Die Sehnsucht, die in Blixens Worten mitschwingt, spüren viele große und kleine Leseratten auch heute noch. Wer den Namen Hans Christian Andersen, der morgen seinen 200. Geburtstag feiern würde, hört, denkt unweigerlich an Däumelinchen in einer kleinen Walnussschale mit Veilchenblättern als Matratze, an das hässliche Entlein, das zum stolzen Schwan erblüht, oder an die verwöhnte Prinzessin auf der Erbse.

<P>Empfang im Schloss<BR><BR>Doch Andersen war nicht nur ein Märchenerzähler, Dichter und Phantast - er war auch ein Reisender, den es hinauszog in die Welt. "Reisen heißt leben, man ernährt sich von der großen Natur", notierte er 1846 in seinem Tagebuch. Eine große Orientreise führte ihn 1840/ 41 über Italien in die Türkei und auf den Balkan, später fuhr er nach Frankreich, England, in die Schweiz, nach Spanien und Portugal. Auch Schweden und Norwegen lernte er kennen. Wie viele andere skandinavische Schriftsteller war Andersen aber auch immer wieder in Deutschland. <BR><BR>Weimar, Dresden und Berlin zogen ihn an - und natürlich München. "Hier sieht alles so neu aus, so frisch", schrieb er in seinen Erinnerungen "Eines Dichters Basar". "Hier an den Alpen liegt das deutsche Athen." Zu Deutschland hatte Andersen anfangs ein sehr gutes Verhältnis, das erst durch die Kriege um Schleswig und Holstein 1848 und 1864 getrübt wurde. Er fühlte sich geliebt, geschätzt und geehrt, hatte viele Freunde und mochte die Lebensart, vor allem die bayerische.<BR><BR>Als der Däne im Mai 1834 auf der Rückreise von Italien einen Monat in München Station machte, lebte er für acht Gulden in einem kleinen Zimmer am "Carlsthor". "Die Menschen sind hier sehr höflich", schrieb er. Andersen schwärmte von den blumengeschmückten Häusern, den feschen Bayern in Tracht, den vielen Museen und dem großen Theaterangebot. Das Bier schätzte er ebenso wie lange Spaziergänge an der Isar. Trotz aller lobenden Worte stand Andersens München-Aufenthalt gesundheitlich unter keinem guten Stern: Starke Zahnschmerzen trübten seine Erinnerungen. Zum Arzt ging er aber nicht - wohl deshalb, weil er zu dieser Zeit noch nicht gut bei Kasse war. Dabei ging es ihm finanziell schon ein bisschen besser als drei Jahre zuvor: 1831 reiste er zum ersten Mal nach Deutschland - und zwar zu Fuß. <BR><BR>Diese Reise war aber trotzdem nicht so billig wie erhofft: "Mehrmals gingen meine Stiefel kaputt, alle Augenblicke musste ich einen Führer mieten, und in den Bergen war man unverschämt teuer." Doch was München für Andersen so reizvoll machte, waren die Zusammenkünfte mit Malern und Schriftstellern. Er schätzte Schelling und liebte Kaulbach, den er einmal in seinem Atelier überraschte, als er die "Zerstörung Jerusalems durch Titus" (Neuen Pinakothek) malte. Als Andersen eintrat, war er erstmal geschockt vom bunten Treiben: Ein Mädchen lag in der Ecke Modell, ein junger Mann spielte Gitarre, ein anderer sang, ein dritter ließ Champagnerkorken knallen. Kaulbach schien das ganze nicht zu stören, er empfing Andersen aufs Herzlichste. <BR><BR>Ein anderer Empfang ging für den Dänen nicht so freundlich aus. Beim Spaziergang entdeckte er in einem Buchladen seinen Roman "Der Improvisator". Aus Spaß ging er hinein und wollte ihn kaufen, stellte aber fest, dass es sich nur um den ersten Teil handelte. "Doch doch, das ist das ganze Buch", versicherte der Verkäufer. "Bei französischen Romanen ist das so üblich, dass sie abrupt aufhören und man sich das Ende zusammenreimen muss." Andersens Argument, "aber ich habe es doch geschrieben!", ließ er nicht gelten: Er warf den Dichter aus dem Laden. Der Mann stellte freilich eine Ausnahme dar. Als Andersen 1852 und 1854 König Max II. in Hohenschwangau und in Starnberg besuchte, musste er ihm bei Fahrten auf dem See Märchen vorlesen. Der Däne hat es dabei nicht unterlassen, den königlichen Herrschaften von seinem Leben zu erzählen, von dem Aufstieg aus ärmlichsten Verhältnissen zum wahren Märchen-König. "Manchmal kommt mir mein Leben selbst wie ein Märchen vor", soll Andersen gesagt haben.</P>

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