Die wahre Musik des 20. Jahrhunderts

- Aus dem Meer an deutschsprachiger Jazzliteratur, das sich in den letzten Jahrzehnten gebildet hat, ragen ein paar gewichtige Publikationen heraus. Beispielsweise die "Sozialgeschichte des Jazz", die Ekkehard Jost, inzwischen emeritierter Gießener Musikwissenschaftler, 1982 veröffentlicht hat.

<P>Musiksoziologie aus einer bestimmten Richtung, darüber hinausgehend aber wesentlich zum Erfassen der Jazzgeschichte und gelegentlich auch im Zurechtrücken mancher Unsicherheit in der deutschen Jazz-Publizistik. Es ist erstaunlich, dass sich kaum etwas an Josts Forschungsergebnissen und Erkenntnissen in den zwanzig Jahren seit der nun erweiterten Erstauflage verändert hat.<BR><BR>Einfluss des Rassismus</P><P>So blieben auch wesentliche Züge in der Grundhaltung das Verfassers erhalten: eine sich auf Marx und Luká´cs berufende Sicht der Soziologie und ganz besonders seine ausgeprägte Fixierung auf die USA und deren "black music". Aber natürlich ist es wichtig, auf die Tatsachen einzugehen, die sonst oft übersehen werden: auf die romanisch-katholische Prägung Louisianas und dem zu Recht als Geburtsstadt des Jazz erkannten New Orleans, auf die scharfe Trennung der negroiden und der - gehobenen - kreolischen Bevölkerung und deren musikalisch-praktische Unterschiede, die letztlich die bis heute bestehenden Unterschiede von improvisierter und notierter Musik begründet haben. Auf die durch euro-amerikanische Einflüsse bedingten Kontraste zwischen intellektuell-schwarzer und ursprünglicher afrikanischer Kultur; auf die durch die Rechtslage in den USA geförderte Schlechterstellung schwarzer Musiker - einschließlich Duke Ellingtons im "Cotton Club".<BR><BR>Eine Politisierung des Jazz sieht Jost erst im Free Jazz, nicht schon im Bebop, und belegt dies - wie im ganzen Buch - vielfach durch sonst nur schwer zugängliche Zitate. Hier, im Free Jazz, ist auch Josts Standpunkt als praktizierender Musiker, auf dem Baritonsaxophon.<BR><BR>Erhellendes schreibt Jost ebenfalls in stilkundlicher Hinsicht, zum Beispiel über die Bebop-Entwicklung aus der Abnützung des Swing oder über den Einfluss Hollywoods auf den Jazz und seine Musiker; über die Fixierung auf barocke Vorbilder ab den Interpretationen durch Tristano, das Modern Jazz Quartet oder Brubeck. Schlecht weg kommen der Fusion Jazz und die Elektrifizierung, die Romantizismen bei Chick Corea und Jarrett.<BR><BR>Skepsis beherrscht auch die 100 Seiten seiner Fortschreibung, zuerst den Neokonservatismus, Wynton Marsalis und das Lincoln Center. Hoch interessant ist die Kritik an der amerikanischen "Jazz Education" und ihre auf engen Normen basierende Akademisierung. Nach "No Wave" und Punk Jazz wird die Frage immer dringlicher: Ist das noch Jazz, besonders bei John Zorn und den Musikern der Knitting Factory in New York? Je näher die Gegenwart, desto stärker der Bezug zur deutschen "Jazzszene": Steve Coleman, Cassandra Wilson, Gerri Allen, Terry Line Carrington; "schwarz und jung" lässt sich gut vermarkten. Die Damen Monheit oder Diana Krall kommen nicht vor.<BR><BR>Form der Unterhaltung<BR><BR>Ein wenig Purismus schimmert manchmal durch, im Verhältnis zu Entertainment und Unterhaltungsmusik, soziologische Beziehungen, die ja auch in Europa und speziell in Deutschland aufzuzeigen wären. Auf den letzten Seiten gibt Jost noch einmal wichtige Denkanstöße: Ob der Jazz nicht eigentlich die Musik des 20. Jahrhunderts war? Sozialgeschichtlich - vulgo: als Gebrauchsmusik - könnte er weiter bestehen, aber stilgeschichtlich, innovativ, könnte es, "wenn schon nicht das Ende des Jazz, so doch einen essenziellen Wandel seiner Existenzform" geben.</P><P>Ekkehard Jost: "Sozialgeschichte des Jazz". <BR>Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 420 Seiten; 24,90 Euro.<BR></P>

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