Wahrhaftigkeitssucher und von sich selbst berauschte Regisseure

- Was für eine Saison! Lauter schöne Stücke, große Autoren, prominente Titel. Münchens Sprechtheater ließen sich nicht lumpen. Ein Euripides jagte den anderen, ein Goethe den Schiller, ein Büchner den Tschechow und so weiter.

Alles vom Feinsten, könnte man meinen. Doch in der Rückschau der jetzt zu Ende gehenden Spielzeit lässt sich klar die Spreu vom Weizen trennen. Manches war hervorragend, vieles gut bis durchschnittlich, einiges unfassbar schlecht. Zu lernen war, dass sich Theater nach Titeln verkauft. Schillers "Räuber" gehen immer. Es ahnt ja vorher niemand, was für Schindluder mit so einem Klassiker auf der Bühne getrieben werden kann. Womit wir bei den Kammerspielen wären.

Die größte Leistung von Intendant Frank Baumbauer ist die Tatsache, dass er es immer wieder schafft, die Welt glauben zu lassen, an seinem Haus werde das modernste, politischste, erfolgreichste Theater der Republik gemacht. Die zentralen Produktionen 2005/ 06 mündeten aber, gelinde gesagt, in einem künstlerischen Desaster.

Geschlechtsumwandlung

Der Grund: Von sich selbst berauschte Regisseure nutzten die Texte, um ihre privaten Vorlieben und subjektiven Ansichten auf der Bühne zu artikulieren. Die Objektivität eines Textes kümmerte sie wenig. Die Aufführungen sind denn auch so kleinkariert und einfältig wie die Inszenatoren selbst.

So erfuhr Goethes "Iphigenie auf Tauris" in der Regie von Laurent Ché´touane eine Geschlechtsumwandlung: Die Titelrolle spielte Fabian Hinrichs, den Arkas Annette Paulmann. Von ähnlich aufgeblasenem Kaliber: "Lulu live" nach Wedekind, Tschechows "Kirschgarten", Schillers "Räuber". Allein "Die Bakchen" von Euripides, die Jossi Wieler an den Kammerspielen herausbrachte, kurz nachdem das gleiche Stück am Residenztheater Premiere hatte, sind ein interessantes Angebot.

Der alte Stoff in die bürgerliche Gegenwart geholt, verliert er zwar an archaischer Wucht. Aber er gewinnt dafür eine ironische und leicht konsumierbare Aktualität.

Peinlicher Tiefpunkt: die Uraufführung "Robinson Crusoe, die Frau und der Neger" nach Defoe und Coetzee. Davon abgesehen, hat man an den Kammerspielen mit den weniger anspruchsvollen und teilweise ganz neuen Texten mehr Glück. Ein reines Vergnügen: der absurde Todesreigen "Dunkel lockende Welt" von Händl Klaus. Fürs Vergnügen ist immer auch Franz Wittenbrink zuständig.

Sein Liederabend "Männer" sorgt für Spaß und volle Kassen. Ansonsten bemühte man sich um junge Autoren, gab ihnen mit Aufführungen in Neuem Haus und Werkraum Gelegenheit, sich auszuprobieren, und sorgte mit einem zweiten "Bunnyhill"-Projekt für sozial Gutgemeintes.

Um aktuelle Stücke kümmerte sich ebenso das Bayerische Staatsschauspiel. Die "Nebenschauplätze" Marstall und Haus der Kunst sind die Spielwiese nicht nur für unbekannte Namen, sondern auch für Franz Xaver Kroetz, Roland Schimmelpfennig oder Theresia Walser. Wie wichtig das auch alles sein mag, die Stunde der Wahrheit schlägt auf der großen, auf der Residenztheater-Bühne. Und hier spielt das Theater Dieter Dorns alle seine Trümpfe aus: die exklusive Riege starker Schauspieler-Persönlichkeiten von Lambert Hamel, Jens Harzer, Rainer Bock bis Stefan Hunstein, von Sunnyi Melles, Sibylle Canonica, Anna Schudt bis Juliane Köhler.

Dazu die stets auch im Repertoire präsenten "Alten", von Gisela Stein, Cornelia Froboess, Thomas Holtzmann bis zu Rolf Boysen. Alle ringen sie - mit höchster spielerischer Leichtigkeit - um die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, um die Klarheit der dichterischen Aussage.

Die Saison 2005/ 06 startete fulminant - mit Horvá´ths "Geschichten aus dem Wiener Wald", von Barbara Frey ins irrwitzig Extreme getrieben. Dann die von Dieter Dorn inszenierten "Bakchen", die - und das ist das ganz und gar Erstaunliche - in ihrer Archaik über weite Strecken den Ton unserer Zeit treffen.

Der Atem der Jugend

Von berührender Heutigkeit sind hier besonders Sibylle Canonica als Agaue und Jens Harzer als Pentheus. Um eine zeitgenössische Lesart der Klassiker bemühten sich Florian Boesch bei Goethes "Stella" sowie mit szenischer Wucht Amé´lie Niermeyer bei Schillers "Maria Stuart". Dass es mit "Brand" und "Baumeister Solness" gleich zwei Ibsen-Premieren hintereinander gab, ist zwar reichlich übertrieben, aber, wie sich bei den Arbeiten von Thomas Langhoff und Tina Lanik herausstellte, kein Fehler.

Vermisst wird das große Gegenwartsstück wie etwa der Botho Strauß in der vergangenen Spielzeit. Das kabarettistische Glanzstück der Saison, Polts und Biermösls "Offener Vollzug", kann ja dafür kein Ersatz sein.

Es fehlte auch sowohl am Residenztheater wie an den Kammerspielen ein neuer Shakespeare. Den präsentierte dafür das Münchner Volkstheater. Mit Jorinde Dröses munterer Inszenierung von "Viel Lärm um Nichts", aber auch mit Christian Stückls "Woyzeck" von Büchner und vor allem mit Christine Eders sehr heutiger Aufführung von Wedekinds "Frühlings Erwachen" hat sich Stückls Haus zu jener Bühne in München entwickelt, die unangestrengt und aufrichtig den Atem der Jugend ausstrahlt.

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