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Christa Wolf bei der Buchvorstellung von „Stadt der Engel“ in Berlin.

Neuerscheinung

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

München - Nach 14 Jahren, seit „Medea: Stimmen“, wieder ein Roman von Christa Wolf – und noch dazu ein ausgesprochen persönliches Buch. An „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ schrieb sie über zehn Jahre.

Christa Wolf

„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“.

Suhrkamp Verlag, Berlin

415 Seiten

24,80 Euro.

Das ist zunächst ein Reise- und Erlebnisbericht vom neunmonatigen Aufenthalt als Stipendiatin des Getty-Zentrums in Santa Monica bei Los Angeles. Die Dichterin, einst die Grande Dame der unangepassten DDR-Literaturszene sowie Ikone der gesamtdeutschen Poesie, blickt damit zurück in die Jahre 1992/93. Und so wird ihr auch die Erinnerung samt deren psychologischer Kapriolen zum Thema: daher der zweite Teil des Titels. Freuds Mantel taucht in einer Anekdote eines amerikanischen Bekannten auf und wird zum Signal-Begriff für die geheime Seelenarbeit, die das Bewusstsein nicht immer nachvollziehen kann.

Wolf, Jahrgang 1929, schlägt also elegant den Mantel um ihre Gedächtnislücke (sehr dünne IM-Akte aus den 60ern) und um die deutschsprachigen Exilanten, die Nazi-Deutschland verlassen mussten. Erinnern, Erzählen, Schreiben sind die Größen, mit deren Hilfe sich Christa Wolf der Wahrheit, auch der Wahrheit über die eigene Handlungsweise, annähern möchte. Kann ich mich richtig erinnern? Wie kann es passieren, dass ich etwas vergesse? Wie eben den verhängnisvollen Stasi-Kontakt, der der Autorin gerade in jenen Monaten der 90er extreme und unfaire Kritik eingebracht hatte. Neben dem Reisebericht und dem Erinnerungsbuch wollte sie als drittes ein Deutschlandbuch verfassen.

Die überaus diffizile Integration dieser „Bücher“ in eines ist Wolf gelungen: faszinierend, bewegend, zum Nachdenken, auch zum Widerspruch anregend und vor allem unterhaltsam. Die Schriftstellerin entführt mit inniger Sympathie und fröhlicher Offenheit – bis hin zu vielen englischen Worten – in jene Welt am Pazifik: hingerissen von der Natur, amüsiert von ihrem schrulligen Domizil namens „Ms. Victoria“ mit den neugierigen Waschbären im Garten und den netten Gästen aus aller Welt in den Apartments, neugierig auf die touristischen Ecken und die Exil-Künstlerhäuser, aber auch auf die Slums. Christa Wolf nimmt die Leser auf angenehmste, weil lockerste Art mit auf ihre Ausflüge und Erkundungen. Schnelle Eindrücke, flüchtige Begegnungen, nie ausgewalzt, jedoch nie oberflächlich. Die Obdachlose am Straßenrand ist genauso wichtig wie die verzweifelte, vom Mann verlassene Freundin oder der ebenfalls, jedoch anders Liebes-verzweifelte Philosoph Peter Gutman ein Stockwerk über ihr. Auch die Liebesgeschichten spielen in „Stadt der Engel“ eine mächtige Rolle – Liebe zwischen Menschen und zu Utopien.

Margaritas und „Star-Trek“-Schauen

Die Suche nach einer geheimnisvollen L. ist der offizielle Anlass des Aufenthalts des Roman-Ichs. Emma, eine alte Freundin und überzeugte Kommunistin, hatte der Erzählerin den Briefwechsel mit jener L. hinterlassen, der sich von 1945 bis 1979 hinzog. Sie war mit „meinem lieben Herrn“ vor dem NS-Terror in die USA geflohen, der Liebe klaren Herzens alles opfernd – obwohl der Philosoph bei seiner Frau blieb. Emma, die von den Nazis wie von den Kommunisten gequält worden war, blieb bis zum Tod in Berlin, in der DDR. Natürlich ist es völlig aussichtslos zu hoffen, mit fast Null-Informationen L. identifizieren zu können, aber Wolf lässt am Ende sogar diese Unwahrscheinlichkeit zu. Nicht nur diese.

Die Dichterin erlaubt sich Spiritualität, ja selbst so etwas wie naive Frömmigkeit: Immerhin lacht sich das Ich am Ende des Aufenthalts einen frechen, nützlichen Schutzengel an, Angelina mit Namen. In der Tat, Christa Wolf lässt in der „Stadt der Engel“ vieles zu. Auch eine Selbstbefragung, die zwischen Selbstzerfleischung und Selbstreparatur pendelt. Wozu verständnisvolle Gespräche gehören, eine Margarita und „Star-Trek“-Schauen im Fernsehen. Larmoyanz versucht die Autorin gar nicht erst aufkommen zu lassen. Freilich: Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten sieht sie als Verlust. Die historische Chance, aus der großartigen unblutigen Revolution einen wahrhaft menschlichen Staat zu schaffen, sei unwiederbringlich verflogen, kaum sei der erste Begrüßungsgeld-Hunderter geflattert.

Verbindungen zu Mann und Kopelew

Zwei Diktaturen und ein ungeliebtes Deutschland: Danach wird die Erzählerin in den USA bei fast jeder Party gefragt, insbesondere bei den Treffen mit Juden der ersten und zweiten Shoa-Generation. Solche Szenen mit Alt und Jung führen in die eigene Jugend zurück: das Erleben von Hitlers Ideologie, danach die Bewunderung für die kommunistischen Kämpfer, die Hoffnung auf ein segensreiches alternatives Deutschland, das in der DDR-Enttäuschung mündete, weil die Menschlichkeit erstickt wurde.

In diesem historischen Feld zieht Wolf ihre Verbindungslinien zu Thomas Mann und Lew Kopelew, zu McCarthys Antikommunismus-Hysterie und dem Bombardement von Bagdad, zur mütterlichen Erziehung und dem eigenen Untadelig-sein-Wollen. Und immer wieder – gerade bei den Emigranten – taucht die Frage auf, warum man geblieben sei? „Es war die Hoffnung, dass diejenigen, die vielen, die, wie ich glaubte, so dachten wie ich, sich mit der Zeit durchsetzen würden. Weil es nicht anders sein konnte... Weil es für uns keine Alternative gab. – Ich wußte: Die Frage würde über die Jahre mit mir gehen.“

Christa Wolf hat uns mit dem Buch einen Bildungsroman des 21. Jahrhunderts geschenkt: tiefschürfend und schwebeleicht Mensch und Geschichte vereinend – und jenen als ein Wesen betrachtend, das sich trotz Rückschläge weiterbildet, weiterentwickelt. Mit oder ohne Engel, mit oder ohne Freud.

von Simone Dattenberger

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