Wahrheit, Wahn und Meisterschaft

- Es sind nicht die vielen kleineren Produktionen im Cuvillié´stheater oder im Theater im Haus der Kunst, die dafür sorgen, dass sich das Bayerische Staatsschauspiel unter Intendant Dieter Dorn schon das zweite Jahr als Top-Adresse in Sachen Bühnenkunst behauptet. Es sind auch nicht die Lesungen oder sonstigen Aktionen. Es sind die Aufführungen auf der großen Bühne, die Haupt- und Staatsaktionen im Residenztheater.

<P>Jedoch wären sie in der Qualität so gewiss nicht möglich, wäre ihre Wirkung eine geringere, hätte sie nicht eine kluge Dramaturgie eingebettet in eine Art Alternativprogramm: etwa in "Bungee jumping" und "Auf dem Land", in "Gladius dei", "Cherubim" und "Peanuts", in "Der dritte Polizist", "Täglich Brot" oder "Zero Hero". Mit diesen Zeitstücken wird - mal mehr, mal weniger erfolgreich - der Humus bereitet für den großen Auftritt im Haupthaus am Max-Joseph-Platz. Wird Ensemblepflege betrieben und die Auseinandersetzung mit neuen, jungen, noch nicht erprobten Texten geschürt.</P><P>Die Seele der Dorn-Truppe</P><P>Da kam es dann zu so anrührenden Begegnungen mit dem alten, wundersamen Richard Beek ("Cherubim") oder zur Wiederentdeckung des Regisseurs Harald Clemen ("Bungee jumping"). Wie jung und unprätentiös dieses Staatsschauspiel-Ensemble ist, zeigte sich bei dem geglückten Regie-Debüt der Tina Lanik ("Peanuts"). Und es wird so Theaterlöwen wie dem unvergleichlichen Jörg Hube mit seinem neuen "Herzkasperls Her- und Hinrichtung" Raum gegeben.</P><P>Das Zentrum aller Arbeit aber ist die Bühne des Residenztheaters. Hier offenbart sich mehr als anderswo die Seele dieser hochgestimmten Dorn-Truppe. Hier wird Abend für Abend mit gültiger Münze bar bezahlt. Hier kommt die Wahrheit zu ihrem Recht: die Wahrheit der Schauspieler wie die Wahrheit der Dichter. Und das waren in der an diesem Samstag zu Ende gehenden Saison immerhin keine geringeren als William Shakespeare, Friedrich Schiller und Anton Tschechow, Gerhart Hauptmann, Samuel Beckett und Jean Genet. </P><P>Mit der Eröffnungsinszenierung von "Titus Andronicus" lieferten Regisseur Elmar Goerden und sein Hauptdarsteller Lambert Hamel die Steilvorlage für die nachfolgenden Produktionen. Wie Hamel den Weg des eiskalten Diktators in den absurden Wahn des Entmachteten geht, ist als Balanceakt zwischen Abscheu, Tragik und Selbstironie von darstellerischer Meisterschaft. Als Gegenstück zur großen theatralen Attitüde setzte der junge Florian Boesch seine erstaunlich strenge Inszenierung von "Kabale und Liebe" - in der Rolle der Luise die ausgezeichnete, gefühlstiefe Anna Schudt. Mit Hauptmanns "Friedensfest" begab sich Thomas Langhoff in die Psycho-Niederungen familiärer Gutbürgerlichkeit. Ein Stück vor allem für Cornelia Froboess, die sich der Tristesse und dem Seelenterror völlig uneitel ausliefert. Aber: Selbst die beste Aufführung macht den Wiederbelebungsversuch an diesem Drama nicht unbedingt notwendig.</P><P>Anspielen gegen Perfektion</P><P>Und wie ist das mit Genets großem Algerien-Panorama "Die Wände"? Das wollte Dieter Dorn auch gern wissen. Darum inszenierte er jenen Antikriegs-Bilderbogen. Alles in allem: ein bisschen zu staatstheaterlich, zu pompös, zu ordentlich; als Stück heute verzichtbar. Interessant dabei aber der schauspielerische Kontrast zwischen Gisela Stein in ihrer absoluten Perfektion und Jens Harzer, der mit einer Art des Sich-Verweigerns gerade gegen diese Perfektion anspielt.</P><P>Für die Überraschung der Saison sorgte indes Barbara Frey. Gleich zweimal. Mit Becketts "Endspiel" gab sie hier ihren viel versprechenden Regie-Einstand. Um mit Tschechows "Onkel Wanja" noch eins drauf zu setzen. Womit wir diese Inszenierung zur besten Produktion einer durchwegs gelungen Spielzeit küren. Durchwoben von wunderbarer Heiterkeit und Melancholie. Verlässlich und überraschend zugleich. Dafür sorgen Dorns großartige Schauspieler, deren Kunst uns manchmal etwas, mitunter gar alles von der menschlichen Wahrheit erzählt. Dass mit "Onkel Wanja" Sunnyi Melles ins Ensemble zurückgekehrt ist, gehört zudem zu den extra-glücklichen Ereignissen dieser Saison.</P>

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