Der Wahrheitsfinder

- Aller guten Dinge sind drei. So ist das auch bei den Langhoffs. Drei Regisseure von Format: Wolfgang, der Vater, Matthias, der Sohn, und Thomas, der andere. Müßig zu rätseln, wer der Berühmtere von ihnen sei. Es interessiert hier und im Moment nur Thomas Langhoff, dieses Arbeitstier. Dieser Nimmersatt an Inszenierungen. Dieser fixe Kerl mit dem untrüglichen Instinkt für Schauspieler. Dieser Liebhaber der Frauen - der jungen Mädchen und verblühenden Schönheiten, der patenten und gebrochenen, leidenden und lachenden, der leisen und lauten Weiber.

<P>Nach Moden hat er<BR>sich nie gerichtet</P><P>München hat diesem Meister des spätbürgerlichen Realismus', diesem Wahrheitsfinder bei Tschechow, Ibsen, Strindberg, Hauptmann viel zu verdanken. Und er München. Denn ohne seine kontinuierliche Regie-Arbeit an den Kammerspielen zwischen 1981 ("Platonow") und 1991 ("Stella") wäre Langhoffs Ruhm nicht so rasch und überzeugend über die engen Grenzen der DDR hinaus gelangt.</P><P>Dass dieser 1938 in Zürich geborene Ost-Berliner am Deutschen Theater, das vormals sein Vater so prominent geleitet hatte, sowie am Maxim-Gorki-Theater manche Aufsehen erregende Inszenierung herausgebracht hat, sprach sich natürlich schnell herum. Und im Westen, wo man nur zu gern die eingefahrenen Gleise durch die Regie-Talente aus dem Osten verließ, bemühte man sich dementsprechend auch um Langhoff. Die Kammerspiele boten bestes künstlerisches Pflaster. In Ausstatter Jürgen Rose fand er seinen kongenialen Partner, in Schauspielerin Cornelia Froboess eine ihm sozusagen wesensverwandte Muse aus dem Westen. Aufführungen wie "Platonow", "Und Pippa tanzt!", "Lorenzaccio" oder "Die Frau vom Meer" gehören zum Besten, was die Bühne in den 80er-Jahren zu bieten hatte.</P><P>Das ist alles längst Geschichte. Mit dem Fall der Mauer, der Wiedervereinigung Deutschlands relativierte sich das Können von manch hoch gehandeltem Regietalent aus der ehemaligen DDR. Nicht bei Thomas Langhoff. Er blieb ein Großer seines Fachs, weil er sich nie nach Moden, sondern nur nach Stücken und ihrer sowie den Schauspielern inne wohnenden Wahrheit gerichtet hat.</P><P>Mit der Wende hatte sich Langhoff rar gemacht in München. Dafür mochte es viele Gründe gegeben haben. Einer davon ist die Tatsache, dass er - für zehn Jahre - Intendant des Deutschen Theaters in Berlin wurde. Ein anderer liegt in den unbegrenzten Möglichkeiten, plötzlich ohne gnädige Genehmigung durch Staat und Partei auf der ganzen Welt arbeiten zu können. Also international. Das bedeutete: außerhalb Berlins mehr Oper, dafür weniger Schauspiel. So geriet Langhoff auch an die Bayerische Staatsoper, wo er mit "La Damnation de Faust", der "Verkauften Braut" und dem "Freischütz" versuchte, sich im Musiktheater zu behaupten.</P><P>Aber die künstlerische Lichtgestalt der einstigen DDR geriet ins Wanken. Grandios hatte er als Intendant im wiedervereinten Berlin das Deutsche Theater in die neue Zeit geführt. Doch langsam war der Lack ab. Das Amt des Bühnenleiters forderte seinen Tribut. Immer häufiger musste Thomas Langhoff nun Verrisse einstecken. Und schließlich gar erleben, dass ihm der Berliner Senat den Stuhl vor die Tür setzte. Hinweggefegt unter anderem von einer jungen Garde, die sich anschickte, die Hauptstadt zu beherrschen. Langhoff schien aus der Mode. Man war seiner und seines peniblen Realismus' überdrüssig. Auch seiner Demut gegenüber den Autoren. Seiner so radikalen wie liebevollen Befragung des zwischenmenschlichen Zusammenlebens in unserer kleinbürgerlichen Alltagswelt.</P><P>Da traf es sich gut, dass Dieter Dorn von den Kammerspielen ans Residenztheater wechselte, dass man künstlerisch eine gleiche Sprache sprach, dass man dort anknüpfen konnte, wo man sich 1991 getrennt hatte. So geriet denn auch Langhoffs Inszenierung von Strindbergs "Vater" zur umjubelten Rückkehr des Berliner Regisseurs auf eine Münchner Schauspielbühne.</P><P>Heute wird Thomas Langhoff 65 Jahre alt. Die Zeit der absoluten Unabhängigkeit ist gekommen. Für Künstler seines Schlages kann das nur Gutes bedeuten.<BR><BR></P>

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