Der Wahrheitssucher

- Je näher der Wahrheit, umso freier, weiter, offener die Bühne. Wenn zum Ende des Stücks der dritte Rundhorizont fällt, auf dem nur noch in feinen Schemen das blühend gelbe Rapsfeld des ersten Prospekts zu ahnen ist, dann hockt ganz hinten, vor der weißen Brandmauer, mit nacktem Oberkörper, blind, Oedipus.

Da er sehenden Auges in die Falle des Schicksals getappt ist, hat der Tyrann sich selbst geblendet. Langsam kommt er nach vorn an die Rampe. Und demonstriert dort dem Volk von Theben - das sind wir, das Publikum - sein Leid und die Überlegenheit, die er aus dem Leid zieht. Gleichsam den Hochmut dessen, der, im Besitz der Wahrheit, diese konsequent auslebt. Wenn er dann kurz sein schwarzes Unterkleidchen hebt - den roten, langen Rock des Herrschers hat er bereits abgelegt -, dann ist diese kleine Schamlosigkeit vor allem Ausdruck der Verachtung. Nicht Kreon ins Haus folgt er, wie der es, der Rivale um den Thron, ihm befiehlt. Oedipus verlässt den Schauplatz durch das hohe schwere Tor der Seitenbühne.

Das Bayerische Staatsschauspiel hat Jan Bosses klare, starke und strenge Hamburger Produktion des "Oedipus" von Sophokles (497-405 v.Chr.) nach München geholt, wo jetzt der junge Regisseur sie ins Residenztheater sozusagen eingepasst hat.

Kontrastprogramm pur. Die zwei jüngsten, dicht aufeinander erfolgten Klassikerpremieren diesseits und jenseits der Maximilianstraße, "Othello" in den Kammerspielen und eben jener "Oedipus" am Resi, sind exemplarische Beispiele für die grundverschiedenen Konzepte dieser Häuser. Bemüht um modische Heutigkeit das eine, das im Schmuddeljargon der Zeit um ein jugendliches Publikum buhlt. Bereit, sich Stück und Dichter ganz auszusetzen, seinen Figuren, ihrer Sprache, ihren Widersprüchen das andere. So radikal, wie Oedipus durch Wissen und Erkenntnis seine Macht ausübt, so radikal, wie er den Weg in die Vergangenheit und damit den der Wahrheit geht, so radikal auch spürt Oedipus-Darsteller Jens Harzer der Wahrheit dieser Figur nach, ihrer Sprache, dem klangschönen Rhythmus der Verse des deutschen Textes von Friedrich Hölderlin.

Und wie Oedipus seine Macht behauptet ("Man muss doch herrschen"), so herrscht in dieser Aufführung auch Harzer als einer der großen, kraftvollen Protagonisten des Dorn-Ensembles. Sein Oedipus ist Wohltäter und Tyrann zugleich, kühl, unsentimental, mitleidslos mit sich selbst. So dass auch Mitleid mit ihm sich verbietet. Nur einmal zeigt er in einer winzigen Geste - als er sich bückt, um seinen Schuh zu lockern -, dass etwas mit seinen Füßen (er wird ja Schwellfuß genannt) nicht stimmt. In einem anderen Moment umarmt er noch einmal Iokaste, legt besitzergreifend die Hände auf ihren Po - dann löst er sich von ihr. Für immer.

Denn jetzt beginnt die von Harzer inniglich und hochmusikalisch erzählte Geschichte von Oedipus' vermeintlicher Herkunft und der Beichte des Mordes. Doch in dieser Inszenierung sind alle gut. Extra hervorzuheben ist aber neben Harzer die immer wieder Staunen machende Jennifer Minetti. Sie spielt - als einzige im Straßenanzug - den "Chor". Spricht Priester, Strophe und Gegenstrophe; zunehmend rhythmischer und manchmal auch über Mikro. Begleitet von einer Musik aus dem Off. Das gibt dem Abend bei aller intellektuellen Kühle zugleich Atmosphäre. Mitunter meint man sogar, wie von ganz weit her griechische Klänge zu hören in dieser Aufführung zwischen antikem Pathos und moderner Coolness. Starker Beifall, Jubel für Jens Harzer.

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