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Auf dem Karriere-Zenit: Karl Ridderbusch (Ochs).

Legendäre Aufführung

Wahrscheinlich habe ich ihn geliebt

Endlich auf CD erschienen: Brigitte Fassbaender über den „Rosenkavalier“ mit Carlos Kleiber

"Es war immer und in allen Vorstellungen ein Rausch sondergleichen“, erinnert sich Brigitte Fassbaender. „Kein Abend, an dem mir nicht das Herz in die Magengrube gerutscht ist.“ Abende, die zum Größten gehören, was sich an der Bayerischen Staatsoper je ereignet hat: Dirigierte dort Carlos Kleiber seinen geliebten „Rosenkavalier“, herrschte Ausnahmezustand. Beschreiben konnte man das schon bald nicht mehr. Nur genießen. Und hoffen, dass es nie vorbeigeht.

Dokumentiert ist diese legendäre Produktion, die am 20. April 1972 Premiere hatte, bislang auf einer „offiziellen“ DVD. Wobei manch Fan ja längst eine in Japan oder den USA erstandene Raubkopie im Regal hat.

Die Münchner Firma Orfeo hat nun einen CD-Mitschnitt von den Opernfestspielen 1973 herausgebracht. Und der führt vor, was das Strauss-Dirigat von Kleiber, der 2004 starb, so einmalig machte.

Strauss-Delirium: Dirigenten-Genie Carlos Kleiber.

E s war ja nie eine festgefügte Interpretation, die er abrief. Jeder Abend hatte zwar diese das Delirium streifende Intensität, doch keine Vorstellung war wie die andere. Immer wieder interessierte sich Carlos Kleiber für neue Details, brachte Premierenatmosphäre selbst in die x-te Repertoireaufführung. Wachsweich, das ist auf den CDs zu hören, spielte das Bayerische Staatsorchester unter seinen Händen. Mit einer Hingabe, einer Brillanz und mit jenem Strauss’schen Sentiment, diesem ganz besonderen Schmäh, den diese Musik so dringend braucht. Der „Gruß vom Himmel“, den Sophie im zweiten Akt besingt, hier wurde er klangliches Ereignis.

Eine Traum-Sophie : Lucia Popp .

Die junge Lucia Popp ist dabei eine Traum-Sophie und Karl Ridderbusch als gar nicht so polternder, manchmal sogar eleganter Baron Ochs auf dem Zenit seiner Stimmkunst. Einzig Claire Watsons Marschallin zeigt vokale Verschleißerscheinungen. Und Oktavian? Der lässt sich nicht schöner, erfüllter denken als von Brigitte Fassbaender gesungen.

„Wenn ich das heute höre, dann paaren sich Wehmut und hochgradige Erregung“, sagt sie. „Ich hing an Kleiber, weil er so wunderbar anzuschauen war, so unglaublich schön. Er konnte sich aus der Erdenschwere lösen.“

Irgendwann freilich sagte Kleiber seinem „Rosenkavalier“ Adieu. Plötzlich, ohne Vorankündigung – so wie er’s immer hielt. Und das ausgerechnet vor einer Vorstellung, in der Lucia Popp „befördert“ wurde und erstmals die Marschallin sang – jene Sängerin übrigens, mit der sich Kleiber auch eine Affäre leistete. Brigitte Fassbaender, das erzählt sie heute amüsiert, durfte hier ein ums andere Mal den Postillon d’Amour spielen.

Die Fassbaender räumt ein, dass sie den Schwierigen auch gefürchtet habe. Immer wieder habe der Dirigent Zettel geschrieben und in die Garderobe bugsiert. Mit musikalischen Vorschlägen. Aber auch mit Fragen wie: „Warum hast Du mich heute auf der Bühne im Stich gelassen?“ Noch heute, so gibt Brigitte Fassbaender zu, träume sie von Carlos Kleiber. „Mal sehe ich ihn als ganz jungen, mal als älteren Mann. Es ist seltsam. Er hat mich tief beeindruckt. Wahrscheinlich habe ich ihn geliebt.“

Richard Strauss:

„Der Rosenkavalier“. Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber (Orfeo).

von Markus Thiel

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