Die Waisenkinder Osteuropas

- "Doch so sind Litauer beschaffen. Sie sind dazu da, dort Nutzen zu suchen, wo keiner ist, aus der Vergangenheit Missmut und Revanchelüste zu schöpfen, andere anzuschwärzen und heutzutage auch sich selbst." Ein herbes Urteil, das der litauische Schriftsteller Jurgis Kuncinas in seinem Roman "Mobile Röntgenstationen" fällt. Natürlich ist das ironisch gemeint. Am liebsten würde er ja dieses Buch, das als erstes von ihm soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, auch eine Groteske nennen.

<P>Noch bevor am 9. Oktober in Frankfurt am Main die Buchmesse mit dem diesjährigen Länderschwerpunkt Litauen eröffnet wird, werfen in München Goethe-Institut (wir berichteten) und Literaturhaus schon mal vorab einen Blick auf dieses kleine baltische Land, dessen Bewohner Jurgis Kuncinas "Osteuropas Waisenkinder" nennt. Der Autor (52), derzeit Gast in Münchens nobler Stipendiaten-Dependance, der Villa Waldberta in Feldafing, hoch über dem Starnberger See gelegen, liest heute Abend im Münchner Literaturhaus.</P><P>Erzählt wird die sehr persönliche Lebensgeschichte eines Mannes _ seine Leidenschaft für die Liebe und für die Literatur sowie seine Abneigung gegenüber Militär und Diktatur. Und immer ist diese Geschichte verbunden mit den politischen Entwicklungen seines Landes Litauen _ von der Sowjetrepublik mit all ihren grauenvollen Absurditäten bis zur staatlichen Unabhängigkeit inklusive sämtlicher Freiheiten, die die bürgerlich-westliche Ordnung so mit sich bringt.</P><P>"Mobile Röntgenstationen" _ das weist nicht nur symbolisch hin auf Kuncinas Blick, mit dem er die Gesellschaft bis aufs Mark durchschaut. Dieser Titel meint auch, ganz realistisch, jene großen Busse, die medizinisch voll eingerichtet zu kommunistischen Zeiten durchs Land rollten, um auch noch im letzten Winkel das Volk vorsorglich zu den damals obligatorischen Tbc-Tests zu laden. Auf der Suche nach einem Filmsujet findet unweit von Wilnius der Ich-Erzähler des Romans so ein längst ausrangiertes, nun vor sich hin rostendes Modell der tschechoslowakischen Bauart Ikarus, das in ihm die Erinnerung an alte Zeiten weckt. Wer also über Land und Leute dieser kleinen, aber umso interessanteren baltischen Republik etwas erfahren will, der lese dieses amüsante bis melancholische Buch.</P><P>Für Kuncinas, diesen feinfühligen, zurückhaltenden und vornehm bescheidenen Gast der Villa Waldberta, ist es ein Glücksfall, dass heuer Litauen der Messe-Schwerpunkt ist: "Das bedeutet für uns sehr viel." Doch bis es so weit war, gab's einiges organisatorisches Theater. Kuncinas: "Zuerst sollte in Frankfurt die Türkei Schwerpunktland sein. Dann Tschechien. Schließlich einigte man sich auf die drei baltischen Staaten. Zum Schluss war Litauen allein übrig. Da stellte sich die Frage: Was nun? Wo sind die Übersetzungen unserer Autoren? Es war ein Skandal, eine Aufregung."</P><P>Und Kuncinas, der sich der Problematik Litauens auf dem konkurrierenden Weltmarkt der Bücher wohl bewusst ist, sagt hoffnungsfroh: "Meiner Meinung nach können wir nur dabei gewinnen. Wir sind nicht so naiv zu glauben, wir würden überall gelesen. Aber eine große Sache ist es trotzdem, denn bis jetzt ist litauische Literatur in Deutschland ziemlich unbekannt. Obwohl doch Deutschland ein Nachbarland ist." Nachbarland? Das war einmal, wenn Kuncinas die 400 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit dem einstigen Ostpreußen meinen sollte. Tatsächlich will der Schriftsteller das historisch gesehen wissen: "Unsere Grenzen waren Ostpreußen und Weißrussland. Alle Kriege fanden hier statt. Die Memel war immer ein Kriegsfluss.</P><P>Ich bin 1947 geboren. Als ich 1966 zu einem Besuch ins ehemalige Ostpreußen kam, sah ich zum ersten Mal, was Krieg bedeutet. Und das 20 Jahre nach Kriegsende. Das war schrecklich. Und ist es bis heute. Ich bin sicher, das deutsche Kapital wird wieder nach Ostpreußen kommen. Vielleicht wird es noch ein paar Jahre dauern. Aber nichts bleibt so wie es ist. Ich hatte auch nie geglaubt, dass Litauen eines Tages von der Sowjetunion unabhängig würde. Oder dass es plötzlich den Kommunismus nicht mehr gäbe. Obwohl wir doch alle wussten: Kommunismus, das ist ein Witz, eine Illusion, eine schizophrene Existenz. Eigentlich war das _ von heute aus gesehen _ doch alles sehr komisch."</P><P>Die enge Verbindung der Intellektuellen Litauens zu Deutschland riss (in welcher Gesellschaftsform sie auch lebten) nie richtig ab. Die deutsche Literatur ist in Litauen prominent vertreten, und einer ihrer renommierten Übersetzer ist Jurgis Kuncinas: "In Litauen wurde, wie früher in allen Ländern des Ostblocks, viel gelesen. Denn das Buch ist das Fenster zur Welt. Aber darüber hinaus hatte das Buch für Litauen noch eine andere Bedeutung. Zur Zarenzeit nämlich war die litauische Sprache so gut wie verboten. 1863 wurde die Universität in Wilnius, eine der ältesten Europas, geschlossen. Die Bücher in litauischer Sprache wurden daraufhin in Königsberg gedruckt und illegal über die Grenze geschmuggelt. Das war sehr gefährlich, wer erwischt wurde, landete in Sibirien."</P><P>Das war zu der Zeit, als Litauen eine der sozialistischen Republiken der Sowjetunion war, nicht mehr ganz so gefährlich. Kuncinas übersetzte damals schon Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Siegfried Lenz, Hans Werner Richter und natürlich die deutsche Klassik. Nicht aber Günter Grass, der war zur Sowjetzeit verboten. Heute gibt es auch Kuncinas Übertragungen ins Litauische von Grass' "Katz und Maus", Elias Canettis "Augenspiel", Ernst Jüngers "Amerikanische Spiele", Hermann Brochs "Die Verzauberung". </P><P>Umgekehrt ist es wesentlich komplizierter. Denn es gibt nicht viele, die aus dem Litauischen übersetzen. Dabei, klärt Kuncinas auf, ist Litauisch eine wichtige, da "sehr archaische Sprache. Wer Sprachwissenschaftler werden will, muss unbedingt Litauisch lernen. Sie ist so wichtig wie Altgriechisch und Sanskrit."</P><P>Jurgis Kuncinas: "Mobile Röntgenstationen". Aus dem Litauischen von Klaus Berthel. Athena Verlag, Oberhausen. 204 Seiten, 14,90 Euro. <BR>Der Autor liest heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus.<BR>In seinem melancholischen bis amüsanten Buch "Mobile Röntgenstationen" durchleuchtet Jurgis Kuncinas die Gesellschaft seines Heimatlandes.Foto: Schuhbauer-von Jena<BR>Der Beginn der Geschichtsschreibung ist nicht sehr schmeichelhaft. Von einem Bischof wurde da Anno 1009 erzählt, der "an den Grenzen Russlands und Litauens von den Heiden mit achtzehn Gefährten enthauptet wurde".</P><P>Eine Begebenheit, die sich Autorin Marianna Butenschön in ihrem Führer "Litauen" (Beck Verlag, 12,90 Euro) nicht entgehen lässt. Als Einführung in die Geschichte des Landes ist dieses Buch ideal. Butenschön schwärmt von den 3000 "blauen Augen" (einen dieser Seen zeigt das Foto), bietet neben vielen Bildern einen historischen Abriss, beleuchtet dabei kritische Themen wie Rolle der katholischen Kirche oder sowjetische Besatzung, an der mancher den Juden eine Mitschuld gab. Ein Kapitel über die Kultur inklusive Stellung der Literatur und "supermodernes Theater" rundet das Bändchen ab.<BR></P>

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