Walt-Disney-Welt wiederentdeckt

Nach 45 Jahren hat das Münchener Stadtmuseum 150 Original-Bilder zu Produktionen der Walt-Disney-Studios ausgegraben. Sie sind "einzigartig auf der Welt", wie Manfred Wegner von der Abteilung Puppentheater und Schaustellerei, sagt. Er stellt jetzt die "Walt Disney"-Sammlung des Museums vor.

Es ist, als würde man in eine Schatzkammer steigen. Die Schatzkammer einer Märchenwelt. Am Eingang wird der Besucher von Bambi begrüßt, der mit erhobenem Schwanz von einem Plakat lächelt. Und dann taucht der Betrachter - vorausgesetzt, er lässt sich auf die Skizzen, Bilder und Zeichnungen ein - in einen bedeutenden Teil Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts; in die Welt, in der Bambi, Dumbo, Minnie Mouse, Dornröschen, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Pinocchio und andere Walt-Disney-Gestalten zu Hause sind.

Man glaubt, mit Peter Pan über einer grünen Insel zu fliegen, die von dunkelblauem Meer umgeben ist, und mit Alice im Wunderland in einer blass-rosa-violetten Welt zu versinken. Im Hintergrund sind Stimmen aus einem Film zu hören, der hinter einer von zwei geschwungenen Einbauwänden, die den Ausstellungsraum in vier Abschnitte teilen, abgespielt wird: Es sind die "Three Little Pigs" (1933): Eines der Schweinchen klatscht gerade - "patsch" - Zement auf die Ziegelsteinmauer. Neben diesem Trickfilm werden auch "The Band Concert" (1935), der wohl erfolgreichste Kurzfilm der 30er-Jahre, und Ausschnitte aus der Entstehung von "Dornröschen" gezeigt.

"Dornröschen" steht im Fokus der Schau, die das Walt-Disney-Studio bereits 1963 durch Asien und Europa geschickt hat. Endstation in Europa war damals das Münchner Stadtmuseum, wo die Werke zunächst in einer Dauerausstellung zu sehen waren - und dann verschwanden: Die Disney-Werke waren umstritten, wurden von manchen als "Verkitschung der europäischen Kultur" angesehen, erläutert Filmmuseums-Chef Stefan Drößler. Nach der Schließung eines Außendepots des Museums 1994 kamen die Werke wieder ans Tageslicht. "Sie sind uns 1963 als Schenkung verblieben", erzählt Wegner. Heute wäre das undenkbar - angesichts der hochwertigen Produktionsmaterialien dieser beeindruckenden Märchensammlung.

Es ist nicht nur die Disney-Welt, die einen gefangen nimmt. Was die Ausstellung ausmacht und wodurch sie - trotz der begrenzten Anzahl der Werke - eine Einheit bildet, ist auch der Prozess der Animation in seinen vielfältigen Arbeitsabläufen und aufeinander aufbauenden Gestaltungsphasen. Zu sehen sind komplette, bunte Szenenbilder, aber auch erste Entwurfsskizzen.

Gleich links hinterm Eingang etwa wird eine Bewegungsstudie zum Mickey-Mouse-Film gezeigt: Minnie Mouse spielt auf einer Gitarre und schwingt zugleich einen Eimer. Als Daumenkino hergenommen, würden die Zeichnungen einen kleinen Film ergeben. An einer Wand hängen erste Entwürfe, etwa die zu "Susi und Strolch". Und eine weitere Wand ist unter anderem Charakterentwicklungen gewidmet; der Maler hat in Zeichnungen die Stimmungen der Figuren festgelegt.

Eindrucksvoll ist die in drei Skizzen dargestellte Entstehung des Hintergrunds zu "Dornröschen", das mit sechs Millionen Dollar die teuerste Produktion Disneys gewesen ist. Zu dessen Lebzeiten verkannt, gilt es heute als Höhepunkt des Animationsfilms im 20. Jahrhundert. Woran der Maler, Zeichner und Illustrator Eyvind Earle (1916-2000) einen nicht zu unterschätzenden Anteil hatte: Er hat die Hintergründe und die farbliche Gestaltung des Films übernommen und orientierte sich an den Maltechniken der Natur- und Architekturdarstellungen der Gotik und Renaissance.

Walt Disney (1901-1966) räumte Earle große künstlerische Freiheit ein, die einen Film hervorbrachte, dessen Modernität noch heute spürbar ist. Sie war ganz im Sinne Disneys, der, so Drößler, "immer auf technische Neuerungen gesetzt hat". Mit "Dornröschen" entstand beispielsweise erstmals ein Zeichentrick in Technicolor, Breitbandformat und Mehrkanalton. Disney war seiner Zeit voraus und setzte nach Ansicht von Filmexperte Drößler "ein Denkmal des 20. Jahrhunderts".

Bis 15. Februar 2009,

Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Tel. 089/233 223 70

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