Zum Tod von Walter Kempowski : Finder des Bedeutsamen

Bremen - "Archiv" wolle er werden, soll der kleine Walter Kempowski auf die Frage nach seinem Berufswunsch einst geantwortet haben. Archivar wurde er nicht, aber ein Chronist deutscher Geschichte. Für sein zehnbändiges Werk "Das Echolot" mit Dokumenten aus den Jahren 1941 bis 1945 erhielt er internationale Anerkennung.

Sein neues Buch "Kleine Liebe zu Trompeten" konnte er nicht mehr vollenden: Kempowski erlag am Freitag seinem Krebsleiden.

Lange Zeit wurde der am 29. April 1929 in Rostock geborene Autor von der Kritik übersehen. Er schreibe kaum "etwas Eigenes", wurde dem leidenschaftlichen Sammler von Tagebüchern, Fluchtberichten, Briefen und Erinnerungen deutscher Schicksale vorgehalten. "15 Jahre lang habe ich keinen Literaturpreis bekommen, die Kritik hat mich links liegen lassen, weltweit gibt es nur drei Doktorarbeiten über mich", klagte er vor Jahren.

Das hat sich inzwischen geändert, nicht zuletzt wegen des "Echolots". Die ersten vier Bände der Collage aus zeitgenössischen Aktenvermerken, Briefen und Tagebucheinträgen erschienen 1993, der letzte Band 2005.

 Eine "Dokumentation der Gleichzeitigkeit" hatte Kempowski das Projekt genannt: "Das stoische Privatleben neben dem Verrecken, der verbrecherische Luxus neben dem ganz bürgerlichen Weitermachen, und das alles aus berufenem und nicht berufenem Munde."

Die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, Flucht, Vertreibung und die Nachkriegszeit waren die Themen von Kempowskis stark autobiografischen Romanen. Acht Jahre, von 1948 bis 1956, verbrachte der wegen Spionage für die USA Verurteilte im Zuchthaus Bautzen. Dies verarbeitete er 1969 in seinem ersten Roman "Im Block".

"Tadellöser & Wolff" (1971) handelt von Kempowskis Jugend, der ebenfalls erfolgreiche Roman "Uns geht's ja noch gold" von den ersten Nachkriegsjahren. Beide Bücher gehören zu Kempowskis "Deutscher Chronik", die neun Bände umfasst. Das ZDF brachte "Tadellöser & Wolff" 1975 als Mehrteiler mit großen Erfolg ins deutsche Fernsehen.

Seit Mitte der 60er-Jahre lebte Kempowski mit seiner Frau Hildegard und den beiden Kindern in Nartum bei Bremen. Dort arbeitete er zunächst als Lehrer, nachdem er sein Abitur nachgeholt und studiert hatte. Von den 70ern an widmete er sich vor allem seiner literarischen Arbeit und veranstaltete in seinem Haus auch Literaturseminare. 1980 gründete er sein viel beachtetes "Archiv für unpublizierte Autobiographien". Über Zeitungsanzeigen bat er um Tagebücher, Briefe oder Fotos, die ihm Menschen aus verschiedenen Schichten und Zeiten zuschickten.

An der Eröffnung der Ausstellung "Kempowskis Lebensläufe" im Mai dieses Jahres konnte der Autor nicht mehr teilnehmen - er nannte sie dennoch den schönsten Augenblick seines Lebens.

Auswahl der Werke

"Im Block", 1969 "Tadellöser & Wolff", 1971 "Uns geht's ja noch gold", 1972 "Ein Kapitel für sich", 1975 "Aus großer Zeit", 1978 "Herzlich willkommen", 1984 "Hundstage", 1988 "Das Echolot", 1993-2005 "Heile Welt", 1998 "Letzte Grüße", 2003 "Alles umsonst", 2006 "Kleine Liebe zu Trompeten", unvollendet

Kondolenzbuch, prominente Trauerfälle und Traueranzeigen aus der Region auf www.trauer.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzertkritik: Rainhard – a Herz wia a Bergwerk
Er sagt’s und singt’s ja selber... „Große, schwarze, runde Scheiben, die ewig im Gedächtnis bleiben“ – eine feine Zeile aus Rainhard Fendrichs (61) „Das Höchste der …
Konzertkritik: Rainhard – a Herz wia a Bergwerk
Anna Drexler: „Ich brenne hier nicht“
München - Theater dürfe einen nicht nur intellektuell beschäftigen, findet Schauspielerin Anna Drexler. Auch das ist ein Grund, warum sie die Münchner Kammerspiele …
Anna Drexler: „Ich brenne hier nicht“
Danny Boyles neuer Drogentrip
Berlin - Im Jahr 1996 gelang Danny Boyle mit dem wilden Drogentrip „Trainspotting“ ein Kultfilm, 2009 räumte sein „Slumdog Millionär“ acht Oscars ab. Jetzt bringt der …
Danny Boyles neuer Drogentrip
Gergiev warnt vor zu langer Gasteig-Sanierung
München - Die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Valery Gergiev präsentierten ihre Pläne für die Spielzeit 2017/18 und blickten voraus auf ihre Jahre im Exil …
Gergiev warnt vor zu langer Gasteig-Sanierung

Kommentare