Waltraud Meier: „Nur singen ist mir zu wenig“

München - Waltraud Meier spricht im Merkur-Interview über ihre Konzerte mit der Kammeroper München, die pädagogische Arbeit und die Religion.

Ein Superstar arbeitet mit einem freien Ensemble zusammen: Sehr selten ist so etwas. Waltraud Meier tut das schon seit geraumer Zeit bei der Kammeroper München. Im vergangenen Sommer betreute sie als Pädagogin die Produktion von Rossinis „La Cenerentola“, heute (19.30 Uhr) und Sonntag (15 Uhr) ist sie Solistin in Mahlers „Lied von der Erde“. Nabil Shehata dirigiert, den Tenorpart singt Robert Gambill. Die Konzerte in Münchens Allerheiligen-Hofkirche sind ausverkauft, Restkarten eventuell an der Abendkasse.

Waltraud Meier vermutet man nicht unbedingt bei der Kammeroper München.

Stimmt. Aber ich kenne eben den Dirigenten Nabil Shehata sehr gut. Und der verfügt über eine gewisse Überzeugungskraft. (Lacht.) Da dachte ich mir, das probiere ich mal aus, auch so etwas wie die Betreuung der „Cenerentola“.

Sind Sie denn gern Pädagogin?

Jein. Ach, ich gehöre halt in irgendeiner Form auf die Bühne. Und wenn ich am Schluss Texte spreche... Ich muss mich selbst ausdrücken können. Es ist nicht mein Ding, das durch jemand anderen zu machen. Ich bewundere allerdings abgrundtief Kollegen, die so etwas können.

Also allerhöchstens Meisterklassen geben, aber keine Professur.

Waltraud Meier im Gespräch mit Merkur-Redakteur Markus Thiel.

Absolut. Für Basisarbeit habe ich überhaupt keine Geduld. Und mich in irgendeine Hochschule einbinden müssen – nee. Ich bin der freieste Mensch auf der Welt! Ich gebe zu: Die jungen Sänger bräuchten mehr praktische Tipps. Nicht im Sinne von Technik, sondern: Wie sollte das Machtverhältnis zwischen Regisseur und Sänger ausschauen? Wann sollte man sich wehren? Wann muss man aus gesundheitlichen Gründen absagen? Wann beginnt die Verantwortung für die Stimme? Ich habe da mehr Hilfe bekommen, vor allem von meinem früheren Chefdirigenten Hans Wallat. Der meinte: „Wenn Sie sich nicht gut fühlen, dann sagen Sie ab – auch wenn alle Sie beknien und heulen, dass gleich das Opernhaus einstürzt.“

Christa Ludwig sagte einmal sinngemäß über ihre hochgelobte Aufnahme des „Lieds von der Erde“ mit Otto Klemperer: „Ich habe halt damals einfach gesungen und mir gar nicht so viel gedacht.“ Macht’s einem Mahler leicht?

Ich kann das nicht so nachempfinden. Man gibt sich der Musik hin, aber gleichzeitig muss man sich das alles auch bewusst machen. Einfach nur singen, das ist mir zu wenig. Heutzutage wollen alle alles immer nur mit dem Bauchgefühl machen. Ich bin aber dafür, dass wir beim Singen alles benutzen.

Das Werk entstand in einer Lebensphase Mahlers, während der er furchtbare Schicksalsschläge zu bewältigen hatte. Spielt das eine Rolle beim Singen?

Nicht für mich. Man darf die Sache nicht auf ein persönliches Schicksal reduzieren. Wie alle großen Komponisten schafft er etwas Allgemeingültiges. Mir kommen eher andere Bilder, von etwas, was ich persönlich erfahren habe. Alles, was man auf der Bühne bringt, und so arbeite ich, muss einen im Kern angesprochen haben. Es muss ja durch mich wieder raus.

Bei welchen Werken oder Komponisten sagen Sie dann: „Das bin ich nicht“?

So was sing’ ich gar nicht erst. (Lacht.) Ich mache übrigens gerade meine Statistik und bin bei 1997 angelangt. Damals schon 1300 Vorstellungen! Und da hab’ ich gesehen, was ich früher für Zeugs gesungen habe. Donizettis „Viva la Mamma“, Rimski-Korsakows „Schneeflöckchen“ – mein Gott! Ich habe jetzt den Luxus, das zu singen, womit ich etwas sagen kann. Und dann denke ich mir: „Wow, was hast du für ein irrsinniges Glück!“

Das letzte, lange und sehr tiefsinnige Stück im „Lied von der Erde“ verdämmert mit diesem mehrmaligen „Ewig, ewig“. Was heißt das für Sie?

Etwas Positives. Das Loslösen von irdischen Unzulänglichkeiten, vom Leid. Endlich sich frei entfalten können. Das ist doch nicht traurig.

Sind Sie religiös?

Nicht im konfessionellen, dogmatischen Sinne, eher im ursprünglichen: religio, sich an etwas binden. An etwas, das vielleicht ewig schon gedacht wurde und auch geschehen ist.

Also hat das Singen, die Weitergabe Ihrer Kunst auch keinen moralischen Aspekt. Weil Sie die Gabe von irgendjemandem bekommen haben...

Ich folge meinem inneren Triebe, wie schon die Leonore im „Fidelio“ singt. Ich will mich äußern, sagen, was mir am Herzen liegt. Das tu’ ich eben auf der Bühne, im Konzert und im Liederabend manchmal mehr als in der Oper. Der Gedanke, dass ich jemandem etwas gebe, tauchte erst in den vergangenen 15 Jahren auf. Als ich gemerkt habe, dass viele Menschen es bereitwillig aufnehmen, wenn man ihnen etwas Ernsthaftes, Wahrhaftiges vermittelt. Und das ist ja in unserer Zeit notwendiger denn je.

Ist man im Konzert nackter als auf der Opernbühne?

Unbedingt, und daran muss man sich gewöhnen. Ich weiß nicht mehr, wann das genau war, aber ich habe sehr früh in meiner Karriere eine Liederabend-Tournee geplant. Und die habe ich rechtzeitig gekippt, weil ich mir das doch nicht zutraute. Auf die Bühne gehen und nur schön singen, das war noch nie mein Ding. Wenn ich rausgehe, dann will ich da was bewusst mitteilen. Und dazu muss ich viel wissen, viel reflektieren...

...aber dann verkompliziert sich doch die Sache mit zunehmender Karrieredauer.

Genau! Andererseits verfügt man irgendwann über Routine im besten Sinn. Und wenn einem dann doch immer wieder ein neues Licht aufgeht, macht es die Sache wieder spannend.

Helfen einem Opernpartien im realen Leben?

Nein. Man muss das alles, diese vielen Probleme schon im Konkreten leben können, nicht nur auf der Bühne. Sicher, man wird in der Oper auch über Grenzen getrieben, Regisseure wie Patrice Chéreau schaffen das.

Und wann steht da mal irgendwo „Regie: Waltraud Meier“?

Nie! Das habe ich mir zwar durch den Kopf gehen lassen. Aber gerade weil ich mit den ganz Großen gearbeitet habe, weiß ich, dass ich dagegen ein Winzling bin. Ich weiß, was ich kann – und was nicht. Dass man mir sagt „Das ist ja ne ganz nette Inszenierung“, auf so etwas kann ich verzichten. Was anderes ist: Jeder Sänger sollte bei der Probenarbeit eingreifen und quasi Mit-Regisseur sein! Wir bringen doch alle unseren Kopf mit! Und keiner macht dann die Klappe auf – das ist uns allen irgendwann abgewöhnt worden...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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