Nachruf

Wanderer zwischen Präsenz und Poesie

München - Trauer um Guntram Brattia – der Schauspieler des Münchner Residenztheaters ist im Alter von 47 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Es gibt in „Boulevard Of Broken Dreams“, einem Lied der amerikanischen Punkrock-Band Green Day, eine Stelle, an der heißt es „On The Border Line Of The Edge And Where I Walk Alone“. Noch heute, drei Tage nach seinem Tod, ist die Nachricht unfassbar, schockierend und grauenhaft, dass Guntram Brattia am Freitag bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Der Schauspieler des Residenztheaters wurde nur 47 Jahre alt. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder; mit seiner Familie lebte er auf einem Bauernhof im Münchner Umland.

Es ist nur wenige Monate her, da sang Brattia auf der Bühne des Residenztheaters jene Green-Day-Hymne auf den Sunset Boulevard. Es war ein Gänsehautmoment in der kleinen, feinen Liederabend-Produktion „Im wunderschönen Monat Mai“. Und es war Brattias einzige Solonummer. Mehr Zeit benötigte er damals nicht, um das Publikum (und ja, auch seine Schauspielkollegen und die Musiker) zu beeindrucken, zu berühren.

Das Lied verrät manches über diesen Künstler: An der „Grenze zum Abgrund“ sind viele jener Figuren zu verorten, deren Seelen Brattia in den vergangenen drei Jahren in München auslotete. Dabei ging der trainierte, vitale, vor Energie strotzende Schauspieler nie den einfachen, den bequemen Weg. Selbst wenn daraus folgte, dass er ihn allein gehen musste. Er forderte sich. Körperlich. Intellektuell. Emotional.

Da fällt zunächst natürlich sein Caliban ein, der sich in Gísli Örn Gardarssons zwingender „Sturm“-Interpretation durch den Unterbau der Bühne windet, bevor er die Metallgitter erklettert. Es war, als wollte Brattia auch über die Aktion, über diese echte Anstrengung der von ihm dargestellten Kreatur zu ihrem Recht, zu Selbstbewusstsein verhelfen.

In Calixto Bieitos „Kirschgarten“ verwirrte der Schauspieler dann manchen Zuschauer, weil er bis zu seinem ersten Auftritt als Emporkömmling Lopachin in der zweiten oder dritten Reihe im Parkett lümmelte, deplatziert, ja angetrunken wirkte – bevor er das Geschehen auf der Bühne an sich riss. Wer ihn bei jenem Vorspiel erlebte, glaubte erahnen zu können, wie viel Spaß ihm diese kleine Nummer bereitete.

Selbst in schlechten Inszenierungen blieb Brattia gewissenhaft auf seinem Weg: Schnitzlers „Reigen“ im Marstall etwa ist nur deswegen noch nicht völlig vergessen, weil es schlicht sehenswert war, wie der Schauspieler und seine Bühnenpartnerin Sophie von Kessel (beide spielten sämtliche Figuren des Stücks) in den kurzen, hektisch geschnittenen Szenen die Erregungskurven ihrer jeweiligen Charaktere auf den Punkt durchexerzierten.

Man würde Guntram Brattia jedoch Unrecht tun, reduzierte man sein Spiel einzig aufs Körperliche. Physische Präsenz erwuchs bei ihm aus der Beschäftigung mit dem Charakter. Wo nötig, gab er seinen Figuren Melancholie, Entrücktheit, eine selten erlebte herbe Poesie. Sicher ein Höhepunkt in den vergangenen Münchner Theaterjahren: die (alb-)traumhafte Büchner-Beschwörung „Leonce und Lena. Dunkle Nacht der Seele“.

Als Guntram Brattia vor drei Jahren ins Ensemble von Martin Kušej kam, war dies eine Rückkehr. Im Jahr 1988, mit Anfang 20, wurde der gebürtige Innsbrucker zum ersten Mal Teil des Bayerischen Staatsschauspiels. Aufgetreten war er bis dato im Kellertheater, einer Off-Bühne seiner Geburtsstadt. München war das erste Engagement nach der Ausbildung; Brattia blieb fünf Jahre. Er gab etwa den Romeo in Leander Haußmanns legendärer Inszenierung des Shakespeare-Stücks und prägte als Schufterle András Fricsays „Räuber“ mit.

Im Jahr 1993 wechselte er zu Thomas Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin. Er habe damals den Eindruck gehabt, in München „zu viel geturnt“ zu haben, erinnerte Brattia sich später – fortan wollte er „feiner und genauer“ arbeiten. Am Deutschen Theater gab der Schauspieler im Jahr 2000 mit der Adaption von Ödön von Horváths Roman „Ein Kind unserer Zeit“ auch sein Regiedebüt. Danach folgten Engagements unter anderem in Frankfurt, Essen und Düsseldorf, bevor Kušej ihn zurück nach München holte.

Brattia hat zudem regelmäßig für Film und Fernsehen gearbeitet. Gern wurde der Charakterschädel in Krimis besetzt: im „Tatort“, im „Polizeiruf“, in der „Soko“-Reihe. Fünf Kino-Produktionen entstanden mit Regisseur Rudolf Thome, vom schwerelos-utopischen „Paradiso“ (1999) bis zum zärtlich-zynischen „Pink“ zehn Jahre später.

In einer E-Mail an Thome hat Guntram Brattia vor einem Jahr geschrieben: „Ich arbeite, um zu erleben.“ Für uns, sein Publikum, war es ein Erlebnis, ihm bei seiner Arbeit zuschauen zu dürfen.

Michael Schleicher

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