Surreales Kunstwerk in surrealer Kulisse: Auf 2650 Metern Höhe hängt die Uhr des Künstler-Duos GÆG in einem Felsentor.
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Surreales Kunstwerk in surrealer Kulisse: Auf 2650 Metern Höhe hängt die Uhr des Künstler-Duos GÆG in einem Felsentor.

Münchner Duo GÆG lädt zur Kunst-Installation in den Schweizer Bergen

Wandern Sie in ein Kunstwerk! Münchner Künstler-Duo lockt in die Berge

  • Katja Kraft
    VonKatja Kraft
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Dieses Kunstwerk muss man sich erwandern. Und das lohnt! Denn tritt man vor die Uhr, die das Münchner Künstler-Duo GÆG in einem Felsentor hoch oben in der Schweiz installiert hat, bleiben die Zeiger stehen. Ein magischer Moment - aus der Zeit gegriffen!

An der Fuorcla digl Leget bleibt die Zeit stehen. Buchstäblich. Denn je näher man der Uhr kommt, die da auf 2650 Metern zwischen zwei Felsen hängt, desto langsamer bewegen sich deren Zeiger. Bis sie, steht man genau davor, ebenfalls zum Stehen kommen. Selbst der pinke Sekundenmesser kreist nicht mehr über das Zifferblatt. Innehalten. Ganz und gar. Es ist ein surrealer Ort, den sich das Münchner Künstler-Duo GÆG für seinen neuen kreativen Streich ausgesucht hat. Thomas Huber und Wolfgang Aichner sind ja schon bekannt für ihre vogelwilden Ideen. Immer zieht es die beiden Wanderfreunde in die Natur. 2011 schleppten sie für „passage2011“ ein rotes, 150 Kilogramm schweres Kunststoff-Boot über den Alpenhauptkamm zur 54. Biennale in Venedig. Zwei Jahre später veranstalteten sie einen „powerwalk“ mit mitgetragenen Windrädern auf Europas größtem Gletscher, dem isländischen Vatnajökull. 2017 dann führte es Huber und Aichner in „linear“ auf eine Wanderung in den USA – mit einem auf dem Rücken mitgetragenen silbernen Kugelschreiber zogen sie imaginäre Staatsgrenzen durch Utah, Wyoming und Colorado.

Immer geht es den Künstlern um das Verhältnis von Mensch und Natur. Getrieben von der Frage, wie wir mit unserem Planeten, der doch unsere Heimat ist, umgehen. Die überdimensionale Uhr in fast unberührter Hochgebirgslandschaft scheint wie eine aus einem Salvador- Dalí-Gemälde gerissene und in Dreidimensionalität gewandelte Mahnung, mit Ressourcen endlich vernünftig umzugehen. Die Zeit läuft ab, unübersehbar.

40 Helfer schleppten die Uhr des Künstler-Duos GÆG auf den Berg

Das ist die eine Sichtweise auf diese himmelhohe Kunstinstallation. Doch: „Die eigentliche Bedeutung erschließt sich erst in der Interaktion mit dem Betrachter vor Ort“, betonen die Künstler. Mit Verlassen der Zivilisation sollen die Besucher eintauchen in die archaische Parallelwelt des kahlen Hochgebirges – „in eine magische, epische Landschaft“.

Die eigentliche Kunsterfahrung beginnt also schon viele Meter vor dem Felsentor, in dem die Uhr hängt. Wenn man an der Passstraße seine Wanderstiefel schnürt und losmarschiert. So wie es in den vergangenen Tagen eine Gruppe von 40 Helfern getan hat, die inklusive drei Pferden die notwendigen Einzelteile hoch zum Gipfel schleppte. Denn diese Uhr, die auf den einzelnen Wanderer, der sie neugierig beäugt, zu reagieren scheint, ist ein kleines Wunderwerk der Technik. Wie es funktioniert, verraten Huber und Aichner nicht. Schließlich wollen sie uns nicht den magischen Moment zerstören, wenn wir nach etwa eineinhalb Stunden lockerem Aufstieg über grüne Hänge hin zur kargen Felslandschaft vor dem Tor ankommen. Da ist kein Ticken und kein Tacken mehr. Die Zeit steht still.

Künstler und Alpinisten: Thomas Huber und Wolfgang Aichner.

„Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald musst du den Schuh schnüren“, zitieren GÆG Ingeborg Bachmann. Wer sich abwendet vom Kunstwerk, der sieht im Rückblick, wie die Zeiger wieder anlaufen. Widerruf lohnt. Wir haben Einfluss. Am Ende sogar auf die Zeitläufte?

Bis 24. September 2021
unterhalb vom Fuorcla digl Leget, Julierpass, Graubünden, Schweiz; Wanderung etwa 1,5 Stunden. Infos: undendlich.gaeg.net.

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