Wann war's am Bach je so schön?

- Als Sir John Eliot Gardiner vor gut zehn Jahren sein Orchestre Ré´volutionaire et Romantique gründete, war der Name Programm: Beethovens Symphonien wurden auf Radikal-Diät gesetzt, klanglich zugespitzt, auf Turbo-Stufe geschaltet und mit solcher Perfektion gespielt, dass die Konkurrenz erbleichte. Der revolutionäre Anspruch ist geblieben, doch der Maestro scheint milder gestimmt. Nachzuhören nun in der Münchner Philharmonie, wo Gardiner mit dem London Symphony Orchestra die Sechste und Siebte aufführte.

Ein phänomenales Konzert. Denn anders als bei seiner Gesamtaufnahme gibt Gardiner der Musik viel mehr Raum, wovon besonders die Sechste, die "Pastorale" profitiert. Von einer melancholisch-weinerlichen Naturschau ist Gardiner - gottlob - noch weit entfernt. Aber das Volksliedhafte, das Tänzerische (nicht nur im "Zusammensein der Landleute") wird von ihm nun aus einem ganz entspannten, behutsamen Gestus entwickelt. Der rasche Puls gibt der Musik etwas Duftig-Leichtes, atmosphärische Wechsel gelingen dank des flexiblen, wachsweichen Ensemblespiels, Details treten wundersam hervor, ohne dass alles gleich ins Analyse-Seminar gleitet. Ein Mirakel geradezu der zweite Satz, so tief empfunden und durchdacht - eine Klang gewordene Utopie: Wann wohl hat man die "Szene am Bach" jemals so schön gehört?<BR><BR>Zwar gehören die Londoner kaum zur Originalklang-Fraktion, unter Gardiner bewegen sie sich aber ein gutes Stück darauf zu. Beethoven, zumal die Siebte, ließe sich gewiss wuchtiger, "größer" denken. Gardiner setzt aber weniger auf Dezibel-Überwältigung, sondern auf eine reduzierte klangliche Expansion, auf eine eher filigrane Dramatik, als säße da ein Kammerorchester. Akzente pieksen wie Nadelstiche, der Trauermarsch wird durch das vibratolose Spiel in ein fahles Licht getaucht, der Eindruck einer auskomponierten Leere und Verzagtheit stellt sich ein.<BR><BR>An seinen rasanten Tempi hält Gardiner bei der Siebten fest. Das bringt die wackeren Londoner im Presto zwar an ihre Grenzen. Doch im ersten Satz, der sich bei anderen gern im statischen Stampfen erschöpft, werden durch die Rasanz größere Zusammenhänge erkennbar. Streng, ins feste Korsett verschnürt dann das Finale, in dem auch kleine Ermüdungserscheinungen beim Orchester hörbar wurden: Gardiner verlangte viel, nicht immer rastete der Rhythmus sofort ein. Auch wurden die Bläser im Vergleich zum Streicherapparat etwas abgedrängt, doch mag das an mangelnder Erfahrung mit der dürftigen Akustik gelegen haben.<BR><BR>Eröffnet wurde der Abend mit Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre: kein aufrauschender c-moll-Ingrimm, sondern ein lauerndes, nerviges Brio, jederzeit "bereit" zur Explosion. Zwischen den Symphonie-Sätzen Applaus, nach der Sechsten Jubel, am Ende Standing Ovations. Allzu lange haben Münchens Musikfans auf diesen Dirigenten warten müssen. Wenn ein Wunsch frei wäre: natürlich eine Wiederkehr Gardiners, diesmal aber - nichts gegen das London Symphony Orchestra - mit seinem eigenen Ensemble und dem Monteverdi Choir.

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